Kuhn betrachtet Loges-Grabstein

Egon Kuhn – Ein Nachruf

Kuhn betrachtet Loges-Grabstein

Kuhn betrachtet Loges-Grabstein

Am 23.1.2019 ist Egon Kuhn gestorben. Wir trauern um Egon Kuhn.

Egon Kuhn war nicht nur ein Berater und Unterstützer unseres Vereins Quartier, er war auch ein väterlicher Freund. Unsere Zusammenarbeit begann im Vorfeld der Gründung des Vereins FAUST, wo wir über Konzepte für die Umnutzung des Kesselhauses diskutierten, dann bei Filmarbeiten über Linden und zur Gedenktafel für Wilhelm Bluhm. In den letzten zwei Jahrzehnten arbeiteten wir dann weiter zusammen an der Aufarbeitung der sozialdemokratischen Widerstandsorganisation „Sozialistische Front“, an Stolpersteinlegungen, Broschüren und Ausstellungen dazu. Auch die Aufarbeitung des Themas Wehrmachtsdeserteure auf dem Fössefeldfriedhof gehörte dazu. Zahlreiche Veranstaltungen, etwa den Jour fixe bei FAUST, viele Stadtteilrundgänge sowie Veranstaltungen zu Linden und die Betreuung des Stadtteilarchivs im Freizeitheim gehörten zur gemeinsamen und vertrauensvollen Zusammenarbeit.
Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Mein Quartier Linden“ werden wir ihm zu Ehren und zum Gedenken Stadtteilrundgänge zu einigen seiner Themen wie Kochstraße und Fannystraße sowie zum Antifaschismus anbieten.
Hier ein leicht überarbeiteter Nachruf, der in der Februar-Ausgabe des LINDENSPIEGEL erschien.

Egon Kuhn wurde am 20.1.1927 in Osnabrück geboren. Er ist also – anders als manche meinen – kein Lindener. Kein geborener Lindener jedenfalls. Aber wie kaum ein anderer ist Egon „der Lindener“ schlechthin.
Will man das lange Leben von Egon und insbesondere seine Aktivitäten würdigen, müsste man sein privates Leben, sein politisches (SPD und Gewerkschaften) sowie seine kulturellen (etwa Freizeitheim) und stadtteilbezogenen Arbeiten beschreiben. All dies ist bei Egon nicht zu trennen. Ich konzentriere mich trotzdem in meinem subjektiven Rückblick auf seine stadtteilbezogenen Lindener Aktivitäten der letzten Jahrzehnte.
1965 kam Egon Kuhn nach Linden als Leiter des Freizeitheims Linden. Als Zugezogener tat er sich anfangs schwer, denn der Lindener „Arbeiteradel“ hielt noch etwas Distanz. Egon musste sich die Zuneigung der Lindener erst erarbeiten. Dies tat er, indem er viel mit den alten Lindenern sprach, vor allem abends in der Kneipe bei einer „Tasse Bier“, und indem er im Freizeitheim gute Arbeit leistete. Türöffner und wichtige Kontaktpersonen und Freunde waren etwa die Lindener Originale Anni und Fritz Röttger, mit denen er die Fannystraßenkinder- bzw. Lindener Butjerfeste wieder aufleben ließ oder August Baumgarte, der im Heimrat des Freizeitheims eine große Rolle spielte. Allmählich schuf er sich viele Netzwerke, zu denen er als Sozialdemokrat und Gewerkschafter im sowieso sozialdemokratischen Hannover Zugang fand. Egon gehörte hier zum linken Flügel. In den späten 1960er Jahren mischte er im Umfeld der APO mit. Er wurde einer der Organisatoren der linken Szene in Hannover, im politischen, aber auch im kulturellen Bereich. Wissenschaftler wie Peter von Oertzen, Jürgen Seifert oder Oskar Negt gehörten zu Egons Umfeld, Künstler wie Hannes Wader oder Josef Degenhardt waren mit ihm befreundet. Das Freizeitheim wurde das linke Zentrum im roten Linden und schaffte es bis in das Nachrichtenmagazin „SPIEGEL“. Nicht nur zahlreiche politische Veranstaltungen wurden im großen Saal durchgeführt, auch alles, was Rang und Namen bei politischen – d.h. linken – Künstlern hatte, trat hier auf und fühlte sich Egon verbunden. Egon wirkte nicht nur an der Lindener Politik mit, sondern auch in der hannoverschen. Das sozialdemokratische linke Linden-Limmer war durchaus nicht nur beliebt in der hannoverschen SPD, aber mitgliederstark und einflussreich. So wäre z.B. Herbert Schmalstieg ohne Egon nicht Oberbürgermeister geworden. Auch in der Gewerkschaft, vor allem der IG Metall, war Egon bald über Hannover hinaus bekannt. Es zog ihn allerdings nicht auf die landes- oder bundespolitische Ebene. Für Egon war Linden sein Mittelpunkt, den er auch nicht mehr aufgeben wollte. Hier arbeitete und lebte er, hier fühlte er sich wohl. Auch das macht einen Großteil seiner Beliebtheit aus: Egon war sehr einflussreich und mächtig, machte aber keine Karriere, sondern lebte und arbeitete bescheiden in „seinem“ Linden.
Egon zeigte im Freizeitheim deutlich, was Linden ausmachte: Linden war als Industriestadt eine Hochburg der Arbeiterbewegung gewesen, die Lindener bis vor einigen Jahrzehnten waren vor allem Arbeiter und Arbeiterinnen. Dies hatte sich durch die städtebauliche Sanierung seit den 1970er Jahren und den Sozialstrukturwandel dann allmählich geändert. Auch bei der für Linden wichtigen und oft konfliktträchtigen Sanierung gehörte Egon von Beginn an zu den Vertretern der Lindener Interessen, oft auch gegen die regierenden Sozialdemokraten in Hannover.
Das Freizeitheim wurde ein bundesweit bekanntes und gewürdigtes Vorbild für Stadtteilkulturarbeit. Dabei war er oft der Ideengeber und Organisator, der gute Mitarbeiter hatte und junge Leute motivierte, über die Geschichte in Linden zu schreiben. Die Broschüren der 1980er Jahre über die Lindener Arbeiterbewegung, gespickt mit zahlreichen Zeitzeugenberichten, waren viel beachtete Veröffentlichungen und bundesweit Vorbilder für andere Stadtteilzentren. Das von Egon aufgebaute Stadtteilarchiv beherbergte nicht nur zahlreiche Dokumente der Lindener politischen und sozialen Geschichte, sondern im Geschichtskabinett auch seltene Fahnen und Objekte der Arbeiterbewegung. Dazu kam die von Anni Röttger im Freizeitheim eingerichtete Arbeiterwohnküche. Wenn es ein Fest gab, das den Namen „Lindener Fest“ verdient hätte, dann war es das Lindener Butjerfest, das alte Lindener Traditionen aus der Fannystraße aufgriff. Einige Filme über Linden, etwa zur Kochstraße, über Lindener Kneipen oder „Linden eine Arbeiterlied“ wären ohne seine Unterstützung nicht entstanden.
Insbesondere die antifaschistische Arbeit lag ihm als ehemaligem begeisterten Mitglied der Hitlerjugend und dann Kriegsteilnehmer am Herzen. Umso größer dann später sein Wandel. Er hatte gelernt: Nie wieder Faschismus, war sein politisches Motto. Und: Wehret den Anfängen. Dazu bedurfte es der Geschichtsaufarbeitung und der Bildung. Stadtteilrundgänge, Führungen, Aufarbeitung der Lindener Geschichte und der der sozialdemokratischen Widerstandorganisation „Sozialistische Front“, später die Begleitung von Stolpersteinen, Aufarbeitung der Deserteursgeschichte auf dem Fössefeldfriedhof, … Egons Aktivitäten schienen kein Ende zu nehmen.
Dabei war Egon, wie einige der gerade genannten Aktivitäten belegen, auch als Rentner aktiv. Manche meinen, er wäre dann sogar noch aktiver geworden. Es gab für ihn keine Ruhezeit. Er lebte in Linden und in Linden gab es immer was zu tun. Und Egon war immer mittendrin – meistens vorneweg. So baute er die Seniorenakademie Otto Brenner (später Otto Brenner Akademie) mit auf und war lange ihr Vorsitzender. Er war aktiv bei Lebendiges Linden und ebenfalls lange Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Lindener Vereine. Dabei waren nicht nur sozialdemokratische Vereine dort organisiert. Respekt fand er auch bei Mitgliedern der anderen Parteien. Egon kam es nicht auf die Parteizugehörigkeit an, denn wichtiger war ihm immer, wer tatsächlich etwas für Linden tat.
Als Jemand mit italienischen Vorfahren ging er gerne italienisch essen, vor allem bei Mama Raffaele, liebte aber auch die spanische Küche (Rias Baixas II) oder ging zuletzt gerne um die Ecke ins Mia Casa. Erholung fand er als Fußballfan von Schalke 04, beim Genießen des Kaffees im nahegelegenen Eiscafé, beim Lesen von politischer Literatur und auch bei „seinem“ Stammtisch, der am Dienstag-Abend erst bei Fred Kornagel, dann bei Lorberg stattfand. Hier trafen sich sein Freundeskreis und sein politisches und gewerkschaftliches Umfeld. Dazu gehörten etwa Hans-Jörg Hennecke, Ruth Schwake oder Jochen Günther. Auch hier waren durchaus Mitglieder anderer Parteien dabei, etwa von den Grünen oder den Linken. Egon kannte keine Berührungsängste und ließ sich nie vorschreiben, mit wem er zusammenarbeitete. Er machte aber zur Not sehr deutlich, wenn Jemand – seiner Meinung nach – nur dummes Zeug erzählte. Egon war in den letzten Jahren gewiss nicht immer glücklich über die Politik der SPD, blieb ihr aber weiter treu. Solidarität war ihm wichtig, auch mit seiner SPD.
Zuletzt baute er körperlich ab, brauchte einen Rollator und konnte sich später nur noch mit dem Rollstuhl bewegen. Viele kennen ihn, wie er mit Baskenmütze und rotem Schal durch Linden stöberte und vor allem die Limmerstraße hoch und runter gerollt wurde. Meistens geschoben von seiner langjährigen Lebenspartnerin Susanne Böhmer, die sich aufopferungsvoll um Egon kümmerte und dafür sorgte, dass Egon noch unter die Leute kam. Als Egon nicht mehr mobil genug war, übernahm sie auch die Betreuung des Stadtteilarchivs und versucht nun , dies im Sinne von Egon zu erhalten.
Am 20.1.2019 feierte er mit viel sozialdemokratischer Prominenz wie Gerhard Schröder, Herbert Schmalstieg oder Edelgard Bulmahn seinen 92. Geburtstag. Er hat den Abend genossen. Drei Tage später, am 23.1., verstarb Egon Kuhn.
Egon hat Linden geliebt und Linden viel zu verdanken. Und Linden hat Egon viel zu verdanken. Er fehlt nicht nur seiner Familie und seinen Freunden, er fehlt auch Linden.

Jonny Peter, Linden, Februar 2019

Foto (von Jonny Peter)
Egon Kuhn 2003 vor dem Arbeitergrab von Heinrich Loges, für dessen Renovierung er sich eingesetzt hatte.
Lindener Wappen

Lindener Geschichte

Einleitung

Am Anfang gleich zwei Überraschungen …

Am Anfang gleich zwei Überraschungen:
Hannover hat eine Nordstadt, eine Oststadt und Südstadt, allerdings keine Weststadt. Hannover hat im Westen dafür Linden – und das gleich dreimal: Linden-Nord, Linden-Mitte und Linden-Süd. Und Limmer gehört auch dazu.

Und dann der Name: Linden? Wir sind ja nicht in einem Waldgebiet oder ländlichen Idyll, sondern in einem der dicht bebautesten Quartiere ganz Hannovers, ja Deutschlands!

So interessant wie die Gegenwart ist, so ereignisreich war auch die Geschichte. Der heutige hannoversche Stadtteil „Linden“ war bis 1920 eine eigenständige Gemeinde, Limmer wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts zuvor von Linden eingemeindet, beide geschichtlich natürlich eng verbunden mit Hannover. Diese Nähe brachte allerdings – fast so wie heute – auch einige Reibereien mit sich. Und Linden/Limmer hatte natürlich seine Eigenheiten – so wie heute, wo nicht nur die Ihme diese beiden Lebensbereiche trennt.

Im Laufe der Zeit wandelte sich Linden vom „schönsten Dorf im Königreich Hannover“ zum von der Industrie geprägten angeblich „größten Dorf Preußens“. In der Tat ist Linden, wie kaum ein anderer Stadtteil, geprägt durch das Zeitalter der Industrialisierung. Die bauliche Struktur wurde in dieser Zeit festgelegt; es entstand das „rote Linden“ und aus einem beschaulichen Dorf eine der größten Städte der Provinz Hannover.

Andererseits: Einiges von der „alten“ Geschichte ist heute optisch nicht mehr nachvollziehbar. So existieren etwa der Küchengarten, das Schloss und viele der Großfabriken nicht mehr.

Zuerst hier die Geschichte Lindens. Die Geschichte Limmers war sozialgeschichtlich weitgehend ähnlich und wird hier am Schluss extra aufgeführt.

überarbeitete und aktualisierte Version aus „Jonny Peter: LindenLimmerBuch 1998“, Mai 2001.

Grundlagen der Darstellungen sind:

Über Linden: die hervorragende Arbeit von Walter Buschmann: „Geschichte einer Industriestadt im 19. Jahrhundert“, Hildesheim 1981. Die zweite wichtige Quelle ist „Linden. Der Charakter eines Arbeiterviertels von Hannover“ von Bernd Rabe, Hannover 1992, das wohl beste Buch über Linden, wenn man einen Überblick von früher bis 1992 erhalten will.

Über Limmer: die sehr gute Broschüre von 1989: „800 Jahre Limmer“ der AGLV Limmer und hier insbesondere die Aufsätze von Ulrich Schweingel, Werner Müller und Hans Werner Dannowski.

Die Anfänge Lindens

Der Name „Linden“ kommt von einer alten …

Merian - Stich, Blick vom Lindener Berg, um 1654
Merian – Stich, Blick vom Lindener Berg, um 1654

Der Name „Linden“ kommt von einer alten Gerichtsstätte, die im Mittelalter etwa am heutigen „Schwarzen Bären“ gelegen hat – von Linden-Bäumen umgeben. Damals war Linden tatsächlich noch ein dörfliches Idyll vor den Toren Hannovers.

1115 wird Linden das erste Mal urkundlich erwähnt. Der alte, bäuerlich geprägte Kern des Dorfes lag am Fuße des Lindener Berges – etwa wo die Martinskirche steht. Es gehörte in den Anfängen den Grafen von Schwalenberg und dann den Grafen von Roden. Eigentlich wichtiger war aber die seit dem 13. Jahrhundert ansässige Ritterfamilie von Alten, die große Ländereien und Teile der Gerichtsbarkeit in Linden erhielt. Damals wurde der Lindener Berg als Rohstoffquelle genutzt, wurden insbesondere in Steinbrüchen die Steine z.B. für die damalige Stadtmauer Hannovers abgebaut. Mit diesen Arbeiten verdienten einige Lindener ihr karges Geld, ansonsten waren die meisten BewohnerInnen unfreie Bauern, abhängig von den Guts- und Grundherren und diesen zu Zwangsarbeiten und -abgaben verpflichtet.

Über die Ihme führte eine Holzbrücke (am heutigen Schwarzen Bären) nach Hannover, das damals schon eine Stadt war.

Ab Mitte des 17.Jahrhunderts traten dann größere Veränderungen ein. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Linden besetzt, da Hannover durch die Stadtmauern geschützt war: die Heere nutzten den Lindener Berg als strategischen Punkt.

Die Welfen-Herzöge von Braunschweig und Lüneburg hatten im 30-jährigen Krieg Hannover als Residenzstadt ausgewählt und legten Mitte des Jahrhunderts einen großen Lust- und Küchengarten für den Hof an: zwischen heutiger Fössestraße und Lichtenbergplatz. Dieser wurde auch bis 1866 genutzt. Heute erinnert daran z.B. noch der Name Küchengartenstraße und -platz.

Lindener Mühle
Lindener Mühle

Nach den Verwüstungen des Krieges wurde der Ort allmählich wieder aufgebaut, nun allerdings mehr zur Ihme hin. Die Einwohnerzahl stieg von 207 (1664) auf 1.177 im Jahr 1776 an.

Ungefähr 1650 wurde die Mühle auf dem Lindener Berg Zwangsmühle. Die Ihme wurde durch die Zuführung von Leinewasser (Schneller Graben) schiffbar. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Stapelplatz für die Schifffahrt nach Hannover nach Linden – da, wo heute das Ihmezentrum steht – verlegt und dort ein 5-geschossiges Speichergebäude gebaut. Die alte Holzbrücke wurde gegen 1700 durch eine Steinbrücke ersetzt, die 1910 dann von einer Stahlbrücke abgelöst wurde.

1688 verkauften die verarmten von Alten ihre Rechte und Ländereien an den Oberhofmarschall Graf Ernst Franz von Platen (1632 – 1709). Dieser legte einen großen Garten (heute von-Alten-Garten) im Stile des Herrenhäuser Gartens an und baute darauf ein Schloss (im 2. Weltkrieg zerstört). Die Gartenanlage wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu einem englischen Garten umgestaltet. Als Herzog Ernst August 1692 den Kurfürstentitel erhielt, wurde von Platen einer der einflussreichsten Männer auch in Hannover.

Linden wuchs durch den aufwendigen gräflichen Haushalt. Der Hof wurde zum großen Wirtschaftshof mit Brauhaus (Brauhofstraße), Ziegelei und Ölmühle ausgebaut. Zudem wurden eine Poststation und eine Wachsbleiche angelegt.

Um 1700 baute von Platen dann die Weberstraße mit 31 Häusern für LeineweberInnen. Die alte Dorfgemeinde Linden grenzte sich von diesem Teil ab, so dass es bis Mitte des 19. Jahrhunderts dann ein Alt- und ein Neu-Linden (in etwa Linden-Süd) gab.

Weberstraße 25 und 26
Weberstraße 25 und 26

Für Linden nicht ohne Bedeutung war, dass aufgrund von Veränderungen in der Erbfolge des englischen Königshauses ab 1714 (bis 1837) der hannoversche Kurfürst (später auch der hannoversche König) in Personalunion gleichzeitig König von England wurde. Dies bewirkte einen erheblichen Bedeutungszuwachs und Wirtschaftsaufschwung Hannovers, der auch nach Linden übergriff.

Die Ära von Platen endete 1816, als die von Alten ihre Wiederkaufsrechte durchsetzen konnten, ihr altes Gelände übernahmen und von Platens daraufhin aus Linden wegzogen.

Linden auf dem Weg zur Industrialisierung

Das Kurfürstentum Hannover war noch ein …

Johann Egestorff
Johann Egestorff

Das Kurfürstentum Hannover war noch ein Agrarland und wirtschaftlich unterentwickelt. Linden bestand um 1800 weitgehend aus Bauernhöfen sowie der Schlossanlage und dem Küchengarten. Die Anfänge der Industrie brachte Johann Egestorff (1772-1834), der 1803 die Kalkbrennerei auf dem Lindener Berg übernahm, in den Holz- und Steinkohlehandel (Steinkohle aus dem Deister) einstieg, neue Technologien aus Frankreich einführte und so bald zum größten Unternehmer in der Gegend aufstieg.

Die Franzosen, die unter Napoleon eine Zeit lang Hannover besetzten, brachten einige Reformen; diese wurden aber nach der Niederlage Napoleons wieder rückgängig gemacht. Zudem wurde auf dem Wiener Kongreß Hannover zum Königreich erklärt (von 1815 – 1866, gebietsmäßig in etwa dem heutigen Niedersachsen ohne Oldenburg, Braunschweig und Schaumburg entsprechend). Durch den Ausbau Hannovers profitierte auch Egestorff und damit Linden. In den folgenden Jahren gründeten sich weitere – meistens kleine – Unternehmen: z.B. eine Brennerei, Lohgerberei, Ofenfabrik, Essigfabrik, Stärkefabrik und einige Fuhrunternehmen (oft ehemalige Kleinbauern). Dabei befand Linden sich in der Bannmeile Hannovers, unterlag also Beschränkungen in der wirtschaftlichen Entwicklung.

Prägend war aber Anfang des letzten Jahrhunderts trotz allem noch der dörfliche Charakter. Für eine kurze Zeit war Linden sogar so etwas wie der Villenvorort (das „Westend“) von Hannover: Hannoversche Bürger und Adlige legten an der Ihme ihre Villen und Landhäuser an. Zum idyllischen Ort kam als weitere Attraktion seit 1825 das vom hannoverschen Hofbaumeister Laves für Egestorff angelegte Berggasthaus auf dem Lindener Berg dazu (abgerissen 1878 für den Wasserhochbehälter), so dass das Dorf Linden „ohne Frage das erste und schönste Dorf im ganzen Königreiche“ war.

Die Revolutionen von 1830/1831 und 1848/1849 fanden in Linden praktisch nicht statt, Unruhen gab es lediglich in Hannover. Wichtig war allerdings die sogenannte Bauernbefreiung (Befreiung von der Leibeigenschaft) mit der Ablösung der Abgaben und der Privatisierung der Gemeinschaftsflächen sowie der Verkoppelung (Neugliederung des Bodens). Der Verkoppelungsplan von 1839 legte das Straßennetz bzw. die Straßenplanung fest. Viele Kleinbauern versuchten, in der aufblühenden Industrie zu arbeiten. Die Industrialisierung begann.

Das Zeitalter der Industrialisierung

Die erste Dampfmaschine, eines der Kennzeichen …

Mechanische Weberei, um 1880
Mechanische Weberei, um 1880

Die erste Dampfmaschine, eines der Kennzeichen der industriellen Revolution, wurde 1828 im hannoverschen Stadtkrankenhaus (heutige Hautklinik) in Linden eingesetzt: 1 PS stark. Ein weiteres Kennzeichen der Industrialisierung war die Eisenbahn. Sie war in Hannover lange Zeit umstritten. König Ernst August: „Ich will keine Eisenbahn in meinem Lande. Ich will nicht, daß jeder Schuster und Schneider so rasch reisen kann wie ich.“ Unter anderem deshalb wurde in Hannover – wie bei allen anderen Neuerungen auch später als in anderen Ländern – erst 1843 die Eisenbahn eingeführt. Die erste Strecke führte von Hannover erst nach Lehrte und dann kurze Zeit später bis Braunschweig.

Als Johann Egestorff 1834 starb, hinterließ er mehrere Unternehmen mit insgesamt 400 Arbeitern. Sein ältester Sohn Georg (1802-1868) baute diese noch erheblich aus und gründete auch weitere (Saline Egestorffhall, Chemische Fabrik). Das wohl wichtigste Unternehmen wurde die 1835 gegründete Eisengießerei und Maschinenfabrik (später: Hanomag) an der Göttinger Straße. Anfangs eher ein kleines Unternehmen, erlebte es dann durch den Eisenbahnbau einen riesigen Aufschwung: 1846 wurde hier die erste Lokomotive gebaut, benannt nach König „Ernst August“. Die Fachkräfte kamen in der Anfangszeit oft aus England, da vor Ort gut ausgebildete Arbeiter noch fehlten.

Zu dieser Zeit lag der Schwerpunkt des Gewerbes noch bei den Ziegeleien, Steinbrüchen und Kalkbrennereien. Das änderte sich aber in den Folgejahren rasant. Zur Linden-Süd prägenden Metallindustrie kam dann in Linden-Mitte und Linden-Nord ein weiterer wesentlicher Industriezweig Lindens hinzu: die Textilindustrie.

1837 hatten die Bankiers Adolph Meyer und Alexander Cohen mit Partnern die erste Mechanische Baumwollspinnerei im Königreich gegründet: die Mechanische Weberei an der Ihme (heute befindet sich hier das Ihme-Zentrum). Produziert wurde in dieser anfangs noch recht kleinen Fabrik roher Kattun.

Durch die Freisetzung waren genug Arbeitskräfte vorhanden. Neben den traditionellen Handwerkern gab es jetzt zunehmend Fabrikarbeiter und Tagelöhner. Die Arbeitsbedingungen waren ebenso schlecht wie die Wohnverhältnisse. Viele mussten in notdürftig umgebauten Ställen oder Nebengebäuden „wohnen“. Oft wurden auch nur „Schlafstellen“, also Betten, vermietet.

Die Einwohnerzahl Lindens stieg weiter deutlich an: von 1617 im Jahre 1821 auf 3.366 Einwohner im Jahre 1848 – trotz restriktiver Bevölkerungspolitik der Behörden. Es mussten, um genügend Arbeitskräfte unterzubringen, nun verstärkt Wohnungen gebaut werden. Die Anfänge des Arbeiterwohnungsbaus waren in Linden-Süd, wo der Essigfabrikant Heinrich Behnsen und dann der Kötner und Viehverschneider Konrad Haspelmath an der Behnsen-, Charlotten-, Haspelmath- und Wesselstraße die ersten Häuser (eingeschossige Fachwerkbauten) anlegen ließen.

1848 wurde – hervorgehend aus einem Buchdrucker-Leseverein – in Hannover ein Arbeiterverein gegründet, ein Jahr später auch einer in Linden. Unternehmer Egestorff wurde sogar als Ehrenmitglied aufgenommen. Kurze Zeit nach ihrer Vereinigung wurde der eher zurückhaltende Arbeiterverein zwischenzeitlich vom reaktionären König verboten. Nichtsdestotrotz konnte nicht nur mit Repression Politik betrieben werden. So wurden auch Anfänge sozialstaatlicher Versorgung unumgänglich, z.B. Betriebskrankenkassen eingeführt.

Die Wirtschaft nahm in den 1850er Jahren einen enormen Aufschwung, viele Betriebe wurden durch Aktiengesellschaften oder Banken gegründet, so etwa die spätere Lindener Aktien Brauerei in Linden-Mitte. Egestorff baute seine Maschinenfabrik aus, die Zahl der Arbeiter stieg hier von 330 auf fast 800. Noch stärker profitierte die Textilindustrie von neuen Schutzzöllen: Meyer und Cohen bauten ab 1853 die riesige Baumwollspinnerei und Weberei (heute Heizkraftwerk) neben die Mechanische Weberei. Die Hallen waren 4-geschossig, die Dampfmaschine hatte 500 PS (Egestorffs größte hatte nur 30 PS) und über 1.000 Arbeiter sollten hier arbeiten – das wäre ein Drittel der Lindener Einwohner. Es war die erste Fabrik, die ganz auf Holzkonstruktionen verzichtete (nur guss- und schmiedeeiserne Elemente) und nach englischem Vorbild die erste Sheddachkonstruktion in Deutschland erhielt. Auch die Mechanische Weberei wurde erweitert, an der Blumenauer Straße entstand ein alles überragendes 7-geschossiges Verwaltungsgebäude. In der Baumwollspinnerei arbeiteten dann 1.100 ArbeiterInnen, in der Mechanischen Weberei fast 1.200, in der Egestorffschen Maschinenfabrik zeitweise über 800.

Innerhalb kurzer Zeit war aus dem schönen Villenvorort ein Fabrikort auf der zuvor grünen Wiese geworden. Die Idylle war vorbei: rauchende Schornsteine verqualmten die Gegend und schädigten die Lungen, das Ihmewasser wurde von der Textilindustrie verschmutzt. Von den 1861 ca. 10.000 Einwohnern des Dorfes waren die Mehrzahl Zugezogene aus umliegenden ländlichen Gebieten, aber auch etwa aus dem Osten Deutschlands. Es waren vor allem Ein-Personen-Haushalte (geheiratet werden durfte nur am Heimatort). Die Textilindustrie benötigte vor allem nicht ausgebildete, billige Arbeitskräfte, vorwiegend Frauen, aber auch Kinderarbeit war nicht selten.

Linden- Ein Ort der Zuwanderung

In der ersten Phase der Frühindustrialisierung …

Martinskirche
Martinskirche

In der ersten Phase der Frühindustrialisierung – bis ca. 1840 – kamen die Beschäftigten der Lindener Betriebe aus der näheren Umgebung. Sie stammten aus dem Calenberger Land, dem Weserbergland und Lippe, vor allem jedoch aus dem katholisch geprägten Eichsfeld. Mit dem zunehmenden Aufschwung der Fabriken wurden dann verstärkt Facharbeiter aus England, Belgien und Frankreich an die Ihme gelockt, die den Qualitätsvorsprung der ausländischen Konkurrenz durch Ausbildung von einheimischen Fachkräften ausgleichen sollten. Der Beitritt des Königreiches Hannover zum Zollverein und die damit einhergehende Belebung der Textilindustrie sorgte für einen weiteren Zuzug von ArbeiterInnen.

Die Lebenssituation der abhängig Beschäftigten war durch sehr harte Arbeitsbedingungen und eine allgemein herrschende Wohnungsnot geprägt. In wirtschaftlichen Krisensituationen mußten sie zudem bei mangelhafter oder nicht vorhandener sozialer Absicherung mit Erwerbslosigkeit rechnen. Eine zweite Welle der Arbeitseinwanderung verdoppelte die Bevölkerungszahl innerhalb kurzer Zeit auf ca. 21.000 Einwohner im Jahr 1875. Nach der preussischen Okkupation des Königreiches Hannover schufen juristische Festlegungen (Gesetz über Freizügigkeit und Eheschließung ohne obrigkeitsstaatliche Einwilligung) neue Bedingungen für eine größere Mobilität der Arbeiterschaft. Durch die Anwerbung billigerer Arbeitskräfte aus östlichen Gebieten (Pommern, Schlesien, Sachsen) hatten die Unternehmer allerdings die Möglichkeit, ihre Lohnkosten zu senken. Die staatlichen Behörden zeigten sich nicht erfreut über den schwer kontrollierbaren Zuzug von Neueinwohnern und fürchteten eine „Überflutung“ Lindens mit schwerwiegenden sozialen Mißständen. Aber auch sie konnten die Entstehung neuer und Erweiterung bestehender Stadtteile – im übrigen eine reichsweite Entwicklung – nicht aufhalten.

Der Bevölkerungszuwachs hielt bis zum 1. Weltkrieg weiter an. Vor allem aus den deutschen Ostgebieten, aber auch aus Polen und Galizien wanderten viele Landarbeiter wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten und der größeren individuellen Freiheit in die industriellen Ballungszentren ein. Die Arbeitskräfte in Linden waren knapp, die Bezahlung dementsprechend relativ gut. In der Metall- und Maschinenbauindustrie warben die Unternehmen Arbeiter aus anderen Industriezweigen mit hohen Löhnen ab. Meist rückten dann die Zuwanderer in die frei gewordenen, niedriger bezahlten Arbeitsplätze nach. Auch der Andrang von Arbeitern aus der allernächsten Umgebung – der Stadt Hannover- war groß, weil sich die neu entstandenen, kostengünstigen Wohnungen in Linden-Nord großer Beliebtheit erfreuten. Die Belastung für die vorhandenen Gemeinschaftseinrichtungen erhöhten sich dadurch natürlich nochmals.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Linden zum Zufluchtsort. Hier waren zwar auch Bomben gefallen, aber die Schäden an den Häusern fielen nicht so dramatisch aus wie anderenorts. Nicht nur aus dem weitgehend zerstörten Hannover, auch von weiter her – insbesondere aus dem Osten – sammelten sich Ausgebombte und Flüchtlinge in Linden und Limmer und mußten sehr eng zusammenrücken. Durch rege Bautätigkeit in der Nachkriegszeit entspannte sich die Lage jedoch wieder.

Die nächste „Einwanderungswelle“ setzte dann zu Beginn der 70er Jahre ein. Zum einen kamen viele „Gastarbeiter“, zuerst allein, dann mit ihren Familien. In den 80er und 90er Jahren folgten dann Asylsuchende.

Zeitgleich wurde Linden von den StudentInnen entdeckt. Diese zogen in die meist kleinen und billigen Wohnungen in Universitätsnähe ein.

Es scheint fast so, als habe Zuwanderung eine gewisse Tradition in Linden. Vielleicht hat man sich deshalb hier so gut arrangiert.

Holger Horstmann

Die Fabriken brauchten viel Platz, aber natürlich musste auch Wohnraum für die zahlreichen Arbeitskräfte geschaffen werden. Während Teile von Linden-Mitte als alter Dorfkern schon lange bebaut waren, gab es bald auch in Linden-Süd die ersten Wohnhäuser, Linden-Nord war dagegen fast völlig unbebaut – abgesehen vom Industriegürtel an der Ihme. Hier wurden erst Mitte der 1850er Jahre im Bereich Fannystraße (vor ca. 30 Jahren abgerissen) sowie Fortuna- und Viktoriastraße die ersten Häuser angelegt. In der Fannystraße ließ Adolph Meyer für „seine“ Arbeiter und Arbeiterinnen eine kleine „Kolonie“ mit zweigeschossigen Kleinstreihenhäusern (35 qm Wohnfläche) anlegen. Jetzt galten 2-geschossige Häuser als städtisch. Bauliche Auflagen gab es fast nur für die Straßenseite. Typisch war in dieser Zeit das Mittelflurhaus, entweder mit Eingang zur Straße (Wohnfläche pro Geschoss ca. 80-90 qm) oder an der Seite (dann Doppelhaus, ca. 40-50 qm pro Etage).

Linden war enorm gewachsen und hatte an Bedeutung gewonnen, im Dorf galt aber noch bis 1856 die alte Gemeindeordnung,
d.h. nur Hofbesitzer (61 an der Zahl) konnten den Bauernmeister wählen. Arbeiter durften an den Kommunalwahlen lange Zeit noch nicht teilnehmen. 1863 wurde das erste Gemeindehaus an der Posthornstraße errichtet. 1865/67 wollte Linden die Vereinigung mit Hannover, da man als Dorf mit den Problemen (keine Kanalisation, keine Wasserversorgung, keine festen Straßen, keine geregelte Müllabfuhr) nicht fertig werden konnte. Hannover lehnte jedoch (wie auch in den Folgejahrzehnten) wegen der zu erwartenden finanziellen Belastung ab.

Aufgrund kontinuierlicher Wirtschaftskrisen gab es ein ewiges Auf und Ab in der Industrie, häufig mussten Arbeitskräfte mehr oder weniger lange entlassen werden. Diese konnten nur teilweise in anderen Industriezweigen aufgenommen werden, Hungersnöte waren demzufolge keine Seltenheit.

Im Krieg Preußens gegen Österreich stand Hannover auf Seiten der Österreicher. Preußen besiegte Österreich und besetzte am 17.6.1866 das Königreich Hannover. Georg V, der letzte Welfenkönig, floh ins Exil und Hannover wurde preußische Provinz.

Ende der 60er Jahre starben mit Georg Egestorff und Adolph Meyer für Linden wichtige Unternehmer.

Henry Bethel Strousberg, der sogenannte „Eisenbahnkönig“, übernahm Egestorffs Maschinenfabrik und baute sie schnell zur zeitweilig wohl größten Eisenbahnfabrik Deutschlands aus. Strousberg baute nicht nur Eisenbahnen, er plante auch Bahnstrecken und ließ diese anlegen. 1872 wurden die Bahnhöfe am Fischerhof (für die Maschinenindustrie) und auf dem Gelände des ehemaligen Gartens die Station Küchengarten – vor allem für die Textilindustrie – angelegt. Durch Verbesserung der Wanderungsmöglichkeiten (Freizügigkeit, Eheschließung ohne behördliche Genehmigung) stieg die Einwohnerzahl von 11.500 im 1867 auf dann 21.000 im Jahr 1875. Linden war allerdings immer noch Dorf, bewohnt vorwiegend von Arbeitern und Arbeiterinnen, die mit ihrem Verhalten auch das Leben im Ort prägten und sich in ihren Organisationen außerhalb der Arbeitszeit trafen: z.B. in Arbeitergesangs- und Turnvereinen. 1866 konnte in Hannover auch ein Ortsverein des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) gegründet werden. Es galt das Wahlrecht des Norddeutschen Bundes, so dass jetzt bei den Reichstagswahlen Arbeiter teilnehmen konnten. Allerdings: Frauen waren bis zur Weimarer Republik vom Wahlrecht ausgeschlossen; bei Wahlen zum Preußischen Landtag galt weiter das Dreiklassenwahlrecht, und bei Kommunalwahlen waren Arbeiter nach wie vor weitgehend ohne Stimmrecht.

Bei den Reichtagswahlen 1867 erhielt die Sozialdemokratische Partei in Linden zwar fast 48 % der Stimmen, im gesamten Wahlkreis mit Hannover aber nur 11%. Dies änderte sich bei den folgenden Wahlen zugunsten des sozialdemokratischen Kandidaten. Die Arbeiter organisierten sich zunehmend in Gewerkschaften; die ersten größeren Streiks fanden 1868/69 für Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen statt (die Arbeitszeit betrug durchaus noch ca. 60 Stunden die Woche!).

Schwerwiegend war weiter die Wohnungsnot. Strousberg legte deshalb ca. 1870 auf dem Fabrikgelände der späteren Hanomag eine neue Arbeiterkolonie an mit verhältnismäßig billigen und komfortablen Reihenhäusern: im Volksmund „Klein-Rumänien“ genannt, weil bei Bezug der Wohnungen gerade Lokomotiven nach Rumänien geliefert wurden. Wer streikte, konnte auch entlassen werden und die Werkswohnung verlieren.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg nahm in der sogenannten Gründerzeit die Industrie einen erneuten Aufschwung. Strousberg allerdings musste aufgrund von Fehlspekulationen die Fabrik an hannoversche Banken verkaufen. Seitdem heißt die Fabrik: HANOMAG (Hannoversche Maschinenbau AG). Bei der Hanomag arbeiten zeitweise über
3.000 Personen und wurden 250 Lokomotiven pro Jahr produziert. Auch die Textilindustrie expandierte: In der Mechanischen Weberei konnte ein weltweit einmaliges Färbeverfahren für die Velvetstoffe entwickelt werden, der blau-schwarze Lindener Samt erreichte Weltruhm. Mit ca.
3.000 Beschäftigten war 1885 die Mechanische Weberei die größte Weberei auf dem Kontinent.

Für diese Menschenmassen musste natürlich weiter Wohnraum geschaffen werden: So entstanden ab ca. 1870 viele Häuser auf dem „Nedderfeld“ in Linden-Nord im Bereich der Elisenstraße. In Linden-Mitte wurden an der Kirche und an der Nieschlagstraße, in Linden-Süd vor allem im Bereich Charlotten- und Ricklingerstr. Wohnstraßen gebaut. Dazu kamen dann weitere Arbeiterkolonien an der Fanny-/Mathildenstraße und Velvet-/Pfarrlandstr. (vor ca. 30 Jahren völlig abgerissen) von der Baumwollspinnerei bzw. Mechanischen Weberei. Die Häuser waren jetzt meistens 3-geschossig mit nach wie vor kleinen Wohnungen. Man bemühte sich jetzt verstärkt, abgeschlossene Wohneinheiten zu schaffen. Pro Etage gab es meistens nur einen Wasseranschluß, oft sogar noch Pumpen auf dem Hof, wo auch die Toiletten standen. Es gab nach wie vor keine festen Straßen (sie waren bei Regen oft eher Schlammlöcher) und keine Kanalisation. Die Sterblichkeitsrate war sehr hoch, epidemische Krankheiten keine Seltenheit.

Die ohnehin nicht zahlreich vorhandenen Schulen waren völlig überlastet. In den Volksschulen – weiterführende Schulen gab es erst gegen Ende des Jahrhunderts – waren durchschnittlich 73,
z.T. sogar 100 SchülerInnen in einer Klasse.

Auch die Kirchen, zur Martinskirche war die ebenfalls evangelische Zionskirche (heute Erlöserkirche) und die katholische Godehardkirche dazugekommen, waren überlastet.

An Infrastrukturmaßnahmen waren außerdem der Anschluß des Schwarzen Bären mit einer Pferdebahnlinie nach Hannover und 1890 der Bau der Spinnereibrücke (heute Leinertbrücke) von Bedeutung.

Durch Wirtschaftskrisen (etwa bei der Hanomag) kam es erneut zu Hungersnöten vor allem in Linden-Süd. Die aufkommende Bauindustrie und die florierende Textilindustrie konnten allerdings einige Arbeitskräfte übernehmen.

Im Krisenjahr 1878 wurden die Sozialistengesetze erlassen, trotzdem konnten die Sozialdemokraten 1884 mit Unterstützung der Nationalliberalen (gegen die Welfen!) den Reichstagswahlkreis gewinnen und behielten ihn auch bis zum Ende der Weimarer Republik 1933.

Die Stadt Linden

Da Hannover nach wie vor die Eingemeindung Lindens …

Rathaus in der Deisterstrasse, 1910
Rathaus in der Deisterstrasse, 1910

Da Hannover nach wie vor die Eingemeindung Lindens ablehnte, wollte das scherzhaft so genannte „größte Dorf Preußens“ (es gehörte tatsächlich zu den vier größten Dörfern) nun endlich Stadt werden. Obwohl es einige Vorbehalte gab (eine Mittelschicht würde weitgehend fehlen, ebenso „intelligente Mitwirkung“) konnte dann zum 1.4.1885 Linden Stadt werden. Der erste Bürgermeister der inzwischen 25.000 Einwohner starken Gemeinde wurde dann der hannoversche Senator Georg Lichtenberg. Zuvor war noch an der Deisterstr./Ecke Ricklinger Str. das erste Lindener Rathaus erbaut worden. Nun konnten aufgrund höherer Steuereinnahmen und einer eigenen Verwaltung einige Fortschritte in der Versorgung mit Infrastruktureinrichtungen erzielt werden.

Mit dem wieder einsetzenden Wirtschaftsaufschwung und den dadurch benötigten Arbeitskräften stieg die Einwohnerzahl in Linden innerhalb von zehn Jahren von 28.000 auf 50.000 im Jahr 1900 an.

Arbeitersiedlung der Mechanischen Weberei zwischen Pfarrland- und Velvetstrasse, 1911
Arbeitersiedlung der Mechanischen Weberei zwischen Pfarrland- und Velvetstrasse, 1911

Nach der Aufhebung der Sozialistengesetze konnte sich die Arbeiterschaft halbwegs ungehindert entfalten und war wie in kaum einer anderen Stadt mit ihren eigenen Lebensweisen, der eigenen Kultur, den vielen Vereinen und Organisationen allgegenwärtig und prägte das „rote Linden“. So erhielten z.B. die Sozialdemokraten bei den Reichstagswahlen in Linden stets über 70% der Stimmen. Zum bürgerlichen Zentrum Lindens sollte das heutige Linden-Mitte werden.
Hier wurde – gegen den Widerstand der ansässigen Bauern – der alte Dorfkern abgerissen und ein neues Rathaus gebaut sowie der Lindener Markt angelegt. Zugleich wurde versucht, gezielt durch Wohnungsbau für das Bürgertum, ein Gegengewicht zu den Arbeiterwohnungen zu schaffen (etwa Lichtenberg-, Pfarrland- und Bethlehemplatz, Beethovenstraße).

Dies konnte jedoch kaum gelingen, dazu war der Anteil der Arbeiter und Arbeiterinnen an der Bevölkerung zu groß und Linden als Wohngebiet zu unattraktiv wegen der vielen Industriefabriken und der zahlreichen – mitten zwischen Wohnhäusern gelegene – Kleinbetriebe. Es dominierte Arbeiterwohnungsbau – inzwischen meistens vier- bzw. viereinhalbgeschossig, mit bebauten Hinterhöfen, überbauten Toreinfahrten und 2 ca. 50 qm großen Wohnungen pro Etage. Die hygienische Situation war nach wie vor nicht zufriedenstellend: die sogenannten „Proletarierkrankheiten“ wie Tuberkulose, Diphtherie und Erkrankungen der Atmungsorgane waren überdurchschnittlich hoch, ebenso die Kindersterblichkeit.

Als eine Maßnahme gegen die um sich greifende private Bauspekulation wurde der Spar- und Bauverein gegründet. Diese Baugenossenschaft versuchte billigen, aber guten Mietwohnungsbau zu erstellen und wurde zum Vorbild in ganz Deutschland. Es gab weitere „Selbsthilfeorganisationen“, etwa den Haushaltsverein, der versuchte, Produkte durch Ausschaltung des Kleinhandels billig zu halten.

Nach einer recht kurzen Amtszeit von Karl Lichtenberg wurde 1901 Hermann Lodemann Bürgermeister der Stadt Linden. In dieser Zeit ebbte der Bevölkerungsanstieg etwas ab (stockender Zuzug, niedrigere Geburtenziffern). Dennoch hatte die Stadt Linden 1910 über 73.000 EinwohnerInnen und war damals größer als Osnabrück, Hildesheim, Göttingen oder Lüneburg. Dazu führten allerdings auch 1909 die Eingemeindungen von Limmer, Davenstedt, Badenstedt und Bornum. Nach der Eingemeindung von Ricklingen 1913 kam die Stadt Linden sogar auf über 86.000 EinwohnerInnen. Dies lag wiederum an gescheiterten Eingemeindungsversuchen nach Hannover, an fehlenden Flächen in Linden (insbesondere für die Industrie) und an nötigen gemeinsamen Infrastrukturmaßnahmen (z.B. Kanalisation, Lindener Hafen).

Die Lebenssituation war nach wie vor durch Armut und enorme Arbeitsbelastungen bestimmt. Anfang dieses Jahrhunderts kam es zu großen Streiks, die mit massiven Aussperrungen seitens der Arbeitgeber beantwortet wurden. Trotzdem konnte die Arbeitszeit um die Jahrhundertwende aufgrund der inzwischen gut organisierten Arbeiterschaft im allgemeinen von 12 auf 10 Std. am Tag gekürzt werden; die TextilarbeiterInnen mussten aber noch 11 und dann 10 ½ Std. arbeiten. 1913 betrug die durchschnittliche Wochenarbeitszeit im Metallgewerbe dann 56,5 bis 57 Stunden (inklusive Samstagsarbeit).

Neben der sozialdemokratischen Partei und den Gewerkschaften waren die vielfältigen Arbeitervereine wichtig für das Leben der meisten LindenerInnen. Zu Arbeitergesangs- und Arbeitersportvereinen kamen etwa Genossenschaften, Naturheilverein Prießnitz, Naturfreunde und die Freireligiöse Gemeinde. Dazu spielte sich vieles an Freizeit in den zahlreich vorhandenen Kneipen ab, etwa im „Schwarzen Bären“ (1901/02 als Jugendstilbau neuerrichtet, im
2.Weltkrieg zerstört) oder im „Posthorn“ (im Rahmen der Sanierung abgerissen) sowie den vielen Eckkneipen. Es entstand eine eigene Kultur, ein eigenes „Lager“ – ausgegrenzt und abgegrenzt vom Bürgertum. Bei Kommunalwahlen gelang es erstmals 1911 (nur ca. ein Drittel der Wahlberechtigten waren Arbeiter!) mit Wilhelm Sporleder wenigstens einen Sozialdemokraten in das 29-köpfige Kollegium zu wählen. Erst mit der Weimarer Republik gab es beim Wahlrecht grundlegende demokratische Änderungen (z.B. gleiches Wahlrecht, Frauenwahlrecht).

In Linden existierten mehrere große Industriezentren: in Linden-Süd z.B. mit der Hanomag, am Bauweg mit den Metallfabriken Körting und Lindener Eisen- und Stahlwerken, in Limmer z.B. mit den Gummiwerken Excelsior und der Leimfabrik Sichel sowie an der Ihme mit den Textilfabriken und an der Stärkestraße nun auch mit der Gummiindustrie. Dazu kamen Mittelbetriebe wie etwa die Hannoversche Brotfabrik, die Wurstfabrik Ahrberg, Lindener Aktien-Brauerei oder die Reinigungskette Stichweh. Diese Fabriken mussten oft umbauen, um die sich rasch entwickelnden neuen Technologien anwenden zu können.

Eingemeindung, Weimarer Zeit, Nationalsozialismus

Natürlich litt die Bevölkerung auch in Linden …

Hanomag, Klein-Rumänien, um 1920
Hanomag, Klein-Rumänien, um 1920

Natürlich litt die Bevölkerung auch in Linden durch den Krieg, verlor viele Männer an der Front. Die Frauen mussten noch mehr als ohnehin schon in den Fabriken mitarbeiten. Während die Textil- und Gummiindustrie unter Rohstoffmangel zu leiden hatten, wurde etwa bei Körting und der Hanomag „aufgerüstet“ für Motoren, Kanonen oder Munition. Unter den Versorgungsengpässen bei Lebensmitteln hatten vorwiegend Verwundete und Kinder zu leiden. Zu essen gab es, wenn überhaupt, vor allem Steckrüben.

Am Kriegsende griff der Marineaufstand nur kurz nach Hannover über. Der Sozialdemokrat Robert Leinert wurde dort Stadtdirektor. Unter seinem Einfluss gelang es dann (weiterhin gegen den Widerstand der Konservativen in Hannover: „gesunder hannoverscher Egoismus“), dass ein in Linden einstimmig angenommener Eingemeindungsbeschluss in Hannover eine knappe Mehrheit erhielt. Seit dem 1.1.1920 ist Linden also ein Stadtteil von Hannover.

Hotel Zum Schwarzen Bären
Hotel Zum Schwarzen Bären

Die Nachkriegszeit war auch in Linden bestimmt durch Inflation und Massenarbeitslosigkeit. Einige der „Traditionsfabriken“ mussten zwischenzeitlich schließen, einige verschwanden ganz (z.B. die Mittelland-Gummiwerke). Die Mechanische Weberei erlebte Mitte der 20er Jahre aufgrund einer Monopolstellung ein kurzes Hoch, erlitt dann aber starke Einbußen, da in der wirtschaftlichen Krisensituation Samt nicht mehr gekauft werden konnte. Der Baumwollspinnerei erging es noch schlechter. 1929 wurde der Betrieb geschlossen. Die Hanomag führte das Fließband ein und produzierte jetzt auch Autos, z.B. das sogenannte „Kommißbrot“, ein Kleinstauto und eine Art Vorgänger vom Volkswagen.

Linden blieb nach wie vor ein sehr lebendiger Stadtteil, politisch dominiert von der SPD. USPD (Unabhängige) oder KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) hatten relativ wenig Bedeutung erlangen können. Wichtig waren die vielen Schutzorganisationen der Arbeiter, die sich regelrechte Straßenschlachten mit den in Linden nicht geduldeten Nationalsozialisten lieferten. Provokationen der Nazis konnten oft nur unter Polizeischutz durchgeführt werden (etwa die „Eroberung“ des Arbeitertreffs Posthorn im roten Linden).

Gegen Ende der Weimarer Zeit wurden dann von enttäuschten Linken einige kleine Parteien und Organisationen gegründet, die massiveren Widerstand gegen die aufkommenden Nationalsozialisten forderten. Dazu gehörte auch die „Sozialistische Front“, die der SPD-Funktionär Werner Blumenberg gründete und auf ein Leben im Widerstand vorbereitete.

Noch 1933 gab es einige Aktionen gegen die Nazis. Aber es liefen auch die ersten Verhaftungswellen gegen Arbeiterfunktionäre, anfangs insbes. von der KPD. Die Sozialistische Front versuchte – unter Lebensgefahr – mit den „Sozialistischen Blättern“ Aufklärung und Information über die Nazis zu verbreiten. Trotz vieler Schutzmaßnahmen konnte durch einen Spitzel 1936 die Sozialistische Front zerschlagen werden. Werner Blumenberg konnte entkommen, andere Funktionäre kamen in Zuchthaus und Konzentrationslager, einige wurden dort ermordet (etwa Wilhelm Bluhm). An vielen Stellen in Linden waren Lager für ZwangsarbeiterInnen, die in den Fabriken arbeiten mussten. In der Hanomag wurden auch KZ-Häftlinge vom Mühlenberg eingesetzt.

Auch wenn es noch versteckte Aktionen wie Hilfen für Häftlinge gab, effektiver Widerstand war nicht mehr möglich. Obwohl die Nazis in Linden keine Basis hatten, blieb es nicht aus, dass einige in die Partei eintraten, entweder aus Überzeugung oder aus Not.

Insbesondere ab Oktober 1943 wurde Hannover bombardiert. Linden blieb dabei nicht verschont von Bomben, aber diese fielen bei weitem nicht so massiv wie etwa in der Innenstadt Hannovers. Dadurch blieben die meisten der Wohnhäuser auch stehen, viele Fabriken wurden jedoch stark zerstört und in der Nachkriegszeit nur teilweise wieder aufgebaut.

Nachkriegszeit bis Heute

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war …

Fortunastrasse, Ende der 70er Jahre
Fortunastrasse, Ende der 70er Jahre

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war Linden mit ein Gründungsort der neuen SPD (für die Westzonen), denn Kurt Schumacher war aus dem KZ nach Hannover gekommen, verlegte sein Büro in die Jacobsstr. 10, meldete die SPD wieder als Partei an und übernahm schnell ihre Leitung. Einige aus seiner Umgebung, etwa Annemarie Renger oder Egon Franke, wurden bundesweit einflussreiche Politiker. Den Neuaufbau in Hannover organisierten weitgehend unbelastete Politiker, die dann auch Leitungspositionen übernahmen, so etwa August Holweg als Oberbürgermeister.

Linden nahm aufgrund der vielen noch unzerstörten Häuser ausgebombte HannoveranerInnen und auch Leute aus dem Umland auf. Lindens Wohnungen waren wieder, wie zu Zeiten der Industrialisierung, vollgestopft mit Menschen.

Gegen Ende der 1950er Jahre wurden dann erste Überlegungen zur Sanierung des Stadtteils angestellt. Die Bausubstanz war alt, der Standard der Wohnungen eher schlecht (meistens keine Bäder, Toiletten auf halber Treppe, im Keller oder noch auf dem Hof, geheizt wurde oft mit Kohleöfen) und Linden lag im Westen wie ein störender Gürtel um die Innenstadt, die sich so nicht ausweiten oder verkehrsmäßig gut erschließen ließ. Gutachten für Linden-Nord (Limmerstr.) und Linden-Süd (Charlottenstr.) von Prof. Göderitz aus Braunschweig sahen denn auch weitgehend den Abriss der Häuser und stattdessen Hochhäuser und mehrspurige Straßen durch Linden vor.

Viktoriastrasse, Ende der 70er Jahre
Viktoriastrasse, Ende der 70er Jahre

Daraus wurde vorerst nichts. Sanierung entwickelte sich aber zum beherrschende Thema der nächsten Jahrzehnte. Mit der „alten“ Industrie ging es weiter bergab. Anfang der 1960er Jahre wurde auf dem Gelände der alten Baumwollspinnerei das Heizkraftwerk errichtet, in den 70er Jahren anstelle der Mechanischen Weberei (Lindener Samt) das riesige Ihme-Zentrum gebaut. Und das „Fabriksterben“ ging und geht weiter. Aus der ehemaligen Industriehochburg, in der Wohnen und Arbeiten vermischt war, wird ein Wohnort mit einigen Angeboten im Dienstleistungsbereich. Die für Linden typischen kleinen Läden und Gewerbebetriebe verschwanden wie anderenorts – allerdings beschleunigt durch die Sanierung.

Linden-Süd war 1972 als eines der ersten Sanierungsgebiete der Bundesrepublik festgelegt worden. Die städtebauliche Sanierung wurde 1990 abgeschlossen. Linden-Nord folgte 1976 als zweites Sanierungsgebiet; die Sanierung wurde 2000 beendet. In einem Sanierungsgebiet hat der Träger der Maßnahmen (in Hannover die Kommune) zur Behebung städtebaulicher Mißstände mehr Eingriffsmöglichkeiten als sonst und konnte über zusätzliche Finanzmittel (von Bund und Land) verfügen. Praktisch hieß dies, dass die Stadt Grundstücke bzw. Häuser aufkaufen konnte, um sie dann abzureißen oder zu modernisieren. Für die Mieter gelten hier besondere Schutzrechte (Sozialplanung). Neben Modernisierungen und Neubauten wurden im Rahmen der Sanierung vor allem Hinterhäuser und störende Gewerberäume abgebrochen. Stattdessen wurden z.B. Grünflächen, Kinderspielplätze oder Tiefgaragen geschaffen. Auch eine Neugestaltung des Straßenraumes gehörte dazu. Jüngstes Beispiel ist die Umgestaltung der Limmerstraße.

Sanierungen verlaufen nicht konfliktfrei. Schließlich müssen die Menschen ihre z.T. jahrzehntelang bewohnte Umgebung verlassen und in den neuen Wohnungen erheblich mehr Miete bezahlen. Vertreibung der LindenerInnen stand im Zentrum der Befürchtungen. Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Bürgerinitiativen, so dass auch Hausbesetzungen gerade in den Anfangszeiten der Sanierung nicht selten waren – insbesondere bei Abrissen, Leerständen oder zu Spekulationszwecken missbrauchten Häusern. Insgesamt sind in Linden-Süd weitaus mehr Abrisse und „Umwälzungen“ vorgenommen worden als in Linden-Nord. Hier hat die Stadt teilweise dazugelernt (dazulernen müssen), gab es mittels verschiedener Modelle (Anwaltsplanung, Gemeinwesenarbeit, Sanierungskommissionen, Stadtteilforum etc.) bald regulierte Auseinandersetzungsformen, so dass die Konflikte eher schon im Vorfeld ausgeräumt wurden.

Zehn Jahre, nachdem die Sanierung in Linden-Süd beendet worden war, zeigte sich, dass erneut etwas gegen einen gewissen sozialen Abwärtstrend in Linden-Süd übernommen werden musste. Versuche, den Stadtteil in das Bundesprogramm Soziale Stadt aufzunehmen, scheiterten zwar, dafür wurde aber aus dem städtischen Haushalt Geld zur sozialen Stabilisierung eingesetzt. Zahlreiche Aktivitäten beleben derzeit den Stadtteil.

Durch den Niedergang vieler Fabriken wurden auch wieder riesige Flächen für andere Nutzungen frei. So entstand auf dem Gelände in der ehemaligen Bettfedernfabrik Werner&Ehlers das Kulturzentrum FAUST und ein Ökologischer Gewerbehof, auf dem Gelände einer ehemaligen Wurstfabrik das neue Ahrbergviertel in den alten Gebäuden. Auf dem Hanomag-Gelände wurde ein Teil von zwei Baumärkten wieder belebt. Das Grundstück der ehemaligen Gilde-Brauerei wartet noch auf eine Umnutzung. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch eine Attraktivierung des Ihme-Zentrums.

Anmerkungen zur Geschichte Limmers

Das kleine Dorf Limmer wird urkundlich …

Jacobus Sackman
Jacobus Sackman

Das kleine Dorf Limmer wird urkundlich erstmalig 1189 erwähnt. Damals besaß Graf Conrad I von Roden die Burg Limbere. Sie lag wohl in der Leineniederung am heutigen Leinewehr.

Der Name Limmer kommt vermutlich von „Lehmberg“, weil in der Tat hier Lehm zu finden war. In eine ähnliche Richtung gehen neue Untersuchungen: „Die Ortsnamen des Landkreises Hannover und der Stadt Hannover“. Demzufolge war mit Limmer ursprünglich eine „feuchte, glitschige Stelle“ gemeint. Die Burg verfiel im Laufe der Jahrhunderte nachdem die Grafen nach Wunstorf umgesiedelt waren. Im Umfeld der kleinen Kirche lebten vorwiegend Bauern, Fischer und Handwerker. 1689 lebten 167 Personen in Limmer, 1825 bereits 365 und 1871 dann über 1.100.

Limmer war ein weitgehend unauffälliges Dorf, spektakulär jedoch und auch sehr weit bekannt durch das Wirken von Jacobus Sackman, der von 1685 bis 1718 als Pastor in der St. Nikolai-Kirche tätig war. Gefürchtet bei den „Herrschaften“ und beliebt beim Volk waren seine Predigten, in denen er sich auch schon mal über den Adel her machte. Kurfürstin Sophie hat 1710 „von hertzen gelacht über die schöne predigt vom dorfpfaff“. Erneut bekannt wurde Limmer dann gegen Ende des Jahrhunderts durch die Entdeckung der Schwefelquellen am Limmer-Holz. So wurde dann 1794 ein Heilbadebetrieb am Limmerbrunnen eröffnet.

Kurze Zeit später hält auch hier die Industrialisierung Einzug. Der Ort hat sich dadurch baulich stark verändert. Die Wohn- und Arbeitssituation war nicht besser als in Linden, die soziale Not führte dazu, dass Kinder in „Rettungshäusern“ untergebracht werden mußten.

Die wichtigste Fabriken war die Hannoversche Gummi-Kamm-Fabrik, seit 1899 mit Sitz in Limmer. Dort arbeiteten anfangs 1.100 Beschäftigte. 1912 waren es schon 3.500 Beschäftigte im nun unter dem Namen Excelsior laufenden Werk. 1928 fusionierte man mit der Continental Gummi-Werke AG. 1989 hatte der Betrieb noch über
2.000 Mitarbeiter. Das Werk hat hier inzwischen den Betrieb aufgegeben und ist ganz nach Stöcken verlagert worden. Ein weiterer größerer Betrieb war die Firma Conrad Engelke. Anfangs wurden hier vor allem Straßenkessel und Asphaltiergeräte produziert, später wurde die Produktpalette aber stark erweitert. 1891 verlegte ein anderes großes Unternehmen, die Wäschereinigungsfirma Stichweh, seinen Sitz nach Limmer. Noch heute hat Stichweh hier seinen Sitz, besaß 1989 über 116 Filialen im Großraum Hannover und verfügte über 450 Mitarbeiter. 1896 kam dann die Tapetenkleisterfabrik Sichel dazu. Als die Firma 100jähriges Jubiläum feierte, waren hier ca. 300 Mitarbeiter beschäftigt.

Zum 1.4.1909 wurde Limmer von der Stadt Linden eingemeindet und zusammen mit Linden dann 1920 ein Stadtteil von Hannover. Alleine schon durch die Beschäftigungsmöglichkeiten in diesen Betrieben war der Ort weiter gewachsen. Im Jahr 1900 lebten 3.672 EinwohnerInnen in Limmer, 1939 dann 7.392 und 1952 sogar 10.037. Danach verlor Limmer jedoch, wie auch Linden, wieder EinwohnerInnen, so daß es 1987 nur noch 6.533 waren, darunter 851 AusländerInnen.

Im Faschismus befand sich 1944/45 ein Arbeitslager des KZ Neuengamme auf dem Contigelände. Kurz vor Kriegsende wurden die Gefangenen, überwiegend Frauen, nach Bergen-Belsen deportiert. Seit 1987 erinnert am Stockhardtweg ein Denkmal an diese Zeit.

Wie lebendig es in der Nachkriegszeit im heute eher beschaulichen Limmer mal war, belegen folgende Angaben aus dem Jahr 1950: 9 Bäckereien, 4 Fleischereien, 36 Lebensmittelgeschäfte, 10 Obst- und Gemüseläden, 6 Milchgeschäfte, 3 Drogerien, 10 Tabakläden und 20 Schank- und Speisewirtschaften.

1957 wird an der Liepmannstraße das Fössebad eingeweiht, 1961 der Badebetrieb im Limmerbrunnen eingestellt, 1962 das Schulzentrum Fössefeld eröffnet und 1967 an der Wunstorfer Straße die damalige Pädagogische Hochschule fertiggestellt.

Nach Beendigung der Sanierung in Linden-Süd sollte dann Limmer Sanierungsgebiet werden, um den Stadtteil wieder attraktiver gestalten zu können. Dies scheiterte dann aus finanziellen Gründen. Ausgeprägt ist nach wie vor das starke Vereinsleben im Stadtteil, etwa der Wassersport, wohl auch bedingt durch die beiden Bäder, neben dem Fössebad gibt es ja noch das Volksbad, und die Kanäle an Leine und Lindener Hafen. Mit Waspo Linden und dem Kanu-Club Limmer sowie Victoria Linden residieren einige der erfolgreichsten Sportvereine Hannovers in Limmer. Fußball-, Schützen-, Gesangs- und Kleingartenvereine runden das Bild ab.

Mit der Angliederung eines Kulturtreffs an die Schule wurde der Kastanienhof zu einem kleinen Kulturzentrum für den Stadtteil.

Im Jahr 2001 ist das Gebiet um die Wunstorfer Straße im zweiten Anlauf dann doch noch städtebauliches Sanierungsgebiet geworden. Neben der Sperrung und Umgestaltung der Wunstorfer Straße ist derzeit auch noch die Umnutzung des Conti-Geländes eines der wesentlichen Themen in Limmer.

Im Volksmund sind folgende Reime bekannt, die gelegentlich Jacobus Sackmann zugeschrieben werden, aber aus späteren Zeiten stammen:

„In Limmer wird’s alle Tage schlimmer; …. In Linnen is nix tau finden – Und: In Hannover Hebbet se ok nix over.“

Jonny Peter

Grundlage dieses Aufsatzes ist die sehr gute Broschüre von 1989: „800 Jahre Limmer“ der AGLV Limmer und hier insbesondere die Aufsätze von Ulrich Schweingel, Werner Müller und Hans Werner Dannowski.

Werner Blumenberg

Widerstand in Linden

Werner Blumenberg

Werner Blumenberg

Seit dem 12.November 2012 gibt es eine offizielle Würdigung des Widerstands der Sozialistischen Front. Sie findet sich in einer von der ›Gedenkstätte Deutscher Widerstand erarbeiteten Dokumentation und erfolgte in Zusammenarbeit mit der ›Geschichtswerkstatt im Freizeitheim Linden der ›Otto Brenner Akademie. Sie ist erreichbar unter ›www.sozialistische-front.de.

Politische Situation in Linden Anfang der 1930er Jahre

Am 1.1.1920 wurde die Stadt Linden mit Hannover vereinigt. Hannover hatte damit eine überwiegend sozialdemokratisch orientierte Arbeiterschaft gewonnen, die im „roten Linden“ – einer Hochburg der Arbeiterbewegung – eine lange Tradition besaß.

Die kurze Zeit der Weimarer Republik war auch für die Lindener Bevölkerung durch die Bewältigung der Folgen des 1.Weltkriegs gekennzeichnet. Materielle Verarmung, Wohnungsnot und zunehmende Arbeitslosigkeit belasteten die junge Demokratie. Ende 1929 hatte mit dem Zusammenbruch der Kurse an der New Yorker Börse die Weltwirtschaftskrise begonnen. Mit über sechs Millionen Arbeitslosen in Deutschland erreichte sie im Februar 1932 ihren Höhepunkt. In Hannover war zu Jahresbeginn jeder dritte Erwerbstätige arbeitslos. Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 hatte sich die NSDAP erstmals als stärkste Fraktion durchsetzen können. Mit dem Sturz der sozialdemokratisch geführten preußischen Regierung am 20.Juli 1932 zeichnetet sich eine weitere Aushöhlung der Weimarer Demokratie ab. Parallel dazu kam es zur gesellschaftlichen Polarisierung, die sich auch in den mit immer brutalerer Gewalt ausgetragenen Auseinandersetzungen der Nationalsozialisten mit ihren Gegnern zeigte. Die Straße wurde zunehmend zum Ort politischer Auseinandersetzung.

Linden erwies sich dabei jedoch anfangs als relativ resistent gegen das Erstarken der faschistischen Bewegung. Mit der Ernennung Hitlers zum Reichkanzler am 30.1.1933 systematisierte sich die Unterdrückung politischer Gegner. Die letzte große Demonstration der hannoverschen Arbeiterschaft gegen die Nationalsozialisten fand am 4.Februar mit ca. 45.000 Teilnehmern statt.

Eine Woche später wurde zunächst die Neue Arbeiterzeitung der KPD, kurze Zeit später auch der sozialdemokratische Volkswille verboten. Am 19.2. hielten SA und SS ihre erste Kundgebung in Linden ab. Zwei Tage darauf überfielen SA-Leute eine SPD-Versammlung am Lister Turm, zwei Reichsbannermitglieder wurden ermordet, darunter der Lindener Arbeiter Wilhelm Heese. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand in Berlin am 28.Februar ließen die Nationalsozialisten 140 Mitglieder der KPD verhaften. Die letzte öffentliche Demonstration der SPD fand am 3.März im Lindener Stadion statt.

Am 23.3.1933 wird das Ermächtigungsgesetz beschlossen.

Das hannoversche Gewerkschaftshaus wurde am 1.4. durch die SS besetzt.

KPD und am 22.6.1933 auch die SPD wurden verboten. Die letzten SPD-Bürgervorsteher mussten am 4.7.1933 ihre Ämter niederlegen. Teile der SPD-Organisation ließen sich gleichschalten, um weiter zu bestehen, andere – wie das Reichsbanner – lösten sich auf. Jeglicher Widerstand gegen die Nazis wurde illegal und konnte in der Konsequenz die Einweisung in ein Konzentrationslager zur Folge haben.

Widerstandsorganisation Sozialistische Front

Werner Blumenberg

Werner Blumenberg

Werner Blumenberg, der Gründer und Leiter der Sozialistischen Front, wurde am 21.12.1900 als Sohn eines Pastors geboren. Er studierte u.a. Philosophie und Theologie. 1920 wurde er Mitglied der SPD, dann Mitarbeiter und später Redakteur der Hannover-Ausgabe des sozialdemokratischen „Volkswillen“. Neben dieser Tätigkeit arbeitete er auch aktiv in der SPD mit.

1932 wurde Werner Blumenberg von der Partei beauftragt, die SPD auf die Illegalität vorzubereiten. Blumenberg begann damit, verlässliche SPD-Mitglieder aus den Vorfeldorganisationen zu sammeln, die mit der offiziellen Linie der SPD nicht zufrieden waren. Vor allem jüngere und aktive Facharbeiter, Reichsbannerangehörige, aber auch Aktivisten der alten Sozialdemokratie gehörten zum Kreis um Blumenberg, der dann mit der Organisation u.a. der sogenannten Fünfergruppen begann. Bald nach der Machtübernahme durch Hitler und die Nationalsozialisten wurde auch die SPD verboten. Die vorausgesehene und vorbereitete illegale Arbeit begann. Seit 1934 entwickelte sich unter dem Namen „Sozialistische Front“ eine der größten Widerstandsorganisationen in Deutschland.

Die Haupttätigkeit war die Herausgabe der „Sozialistischen Blätter“, in denen kritisch zur Nazi-Politik Stellung genommen wurde.

Trotz aller klug geplanten Vorsichtsmaßnahmen kam es Ende 1934 zu einigen Verhaftungen von Mitgliedern der Sozialistischen Front. Damit war es der Gestapo noch nicht gelungen, die Arbeit der Sozialistischen Front wirklich ernsthaft zu gefährden, aber Anfang 1935 folgte eine weitere und größere Verhaftungswelle. Der Leserkreis der Sozialistischen Blätter war vermutlich auf über 2.000 Leser angestiegen.

Die hannoversche Gestapo berichtete über die geschickte illegale Arbeit innerhalb der Sozialistischen Front und über ihre Verschwiegenheit. Spätestens im Februar 1936 kamen zwei Gestapoleute aus der Berliner Zentrale nach Hannover, um die Gestapo in Hannover zu unterstützen. Ihnen gelang es aufgrund eines eingeschleusten Spitzels dann, auch in den Kern der Widerstandsorganisation einzudringen.

Werner Blumenberg konnte am 16. August 1936 nach Holland fliehen. Die Verhaftungen in Hannover begannen einen Tag später, dauerten bis Spätsommer 1937 an und erreichten an die 300 Mitglieder. Blumenberg versuchte, von Holland aus die Sozialistische Front neu zu organisieren. Dies gelang jedoch nicht. Nach Kriegsende erhielt er keine Ausreisegenehmigung, illegale Einwanderungen scheiterten und innerhalb der hannoverschen SPD gab es Gegenspieler, sodass Blumenberg dann resigniert in Amsterdam blieb. Er arbeitete dort als Wissenschaftler am Institut für Sozialwissenschaft. Werner Blumenberg verstarb am 1.10.1965.

Im Folgenden werden wir einige Mitglieder der „Sozialistischen Front“ vorstellen

Franz Nause

Franz Nause

Franz Nause

Projekt „Franz Nause“

Am 22.3.2010 wurde auf Initiative der Otto-Brenner-Akademie im Rahmen der bundesweiten Stolperstein-Aktionen des Künstlers Gunter Demnig in Zusammenarbeit mit der Stadt Hannover ein Gedenkstein vor der Kesselstraße 19 in den Fuß-weg gesetzt. Seit 1993 hat Demnig inzwischen ca. 20.000 Stolpersteine verlegt, den ersten in Linden im Jahr 2008. Mit der zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte auf einem in den Boden eingelassenen Betonquader soll an die Unter-drückung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgten, Deserteuren, Homosexuellen und anderen Opfern des Nationalsozialismus erinnert werden. In der Kesselstraße 19 (s. Foto) wohnte bis zu seiner Verhaftung 1936 der Widerstandskämpfer Franz Nause. Die Stolpersteinlegung nehmen die Otto-Brenner-Akademie und Quartier e.V. zum Anlass, an Franz Nause zu erinnern.

Wer war Franz Nause?

Franz Nause wurde am 15.2.1903 als Sohn des Arbeiters Friedrich Wilhelm und seiner Frau Min-na, geb. Krone, in Achtum (Kreis Marienburg, heute Hildesheim) geboren. Der Vater fiel als Soldat 1918 im 1. Weltkrieg. In Linden wohnte Minna Nause mit der Familie in der Varrelmannstraße 8 in Limmer. Franz hat die Volksschule in Lenthe und Hannover-Linden besucht. Schon als Kind musste Franz zum Unterhalt der Familie beitragen. Er begann eine Lehre als Schlosser bei Körting, die er aber nicht beenden konnte. Danach war er ein Jahr als Werksbote in der Hanomag tätig. Von 1921 bis 1932 hatte Nause eine feste Stelle als ungelernter Arbeiter bei der Gummifabrik Excelsior (Continen-talwerke). Seit Sommer 1932 war er arbeitslos.

Am 27.12.1928 hatte Franz Nause Herta, geb. Seiler geheiratet. Am 28.3.1929 wurde die Tochter Gerda geboren. Familie Nause wohnte in Limmer in der Kesselstraße 19, 3. Etage links. Die Ehe scheiterte früh, auch wegen der politischen Aktivitäten von Franz Nause: 1933 war die Scheidung.

Franz Nause hatte sich schon in frühen Jahren politisch engagiert: 1919 trat er der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und dem Fabrikarbeiterverband bei, 1920 den Naturfreunden, 1921 der SPD, 1931 dem Reichsbanner und auch der Schufo (Schutzformation). Ab 1930/ 1931 war er Parteikassierer (Bezirksleiter) in Limmer. Franz Nause gehörte zu den jungen Parteimitgliedern, denen der offizielle Kurs der SPD zu abwartend war. Als sich Anfang der 1930er Jahre die politische Situation in Deutschland zuspitzte, begann man auch in Teilen der hannoverschen SPD, sich auf eine mögliche Illegalität vorzubereiten für den Fall, dass die Nationalsozialisten an die Macht kommen sollten. Werner Blumenberg, Pastorensohn und seit 1928 Redakteur der SPD-Zeitung „Volkswille“, begann damit, den Widerstand zu organisieren und sammelte aktive, zuverlässige Parteigenossen und Reichsbannermitglieder um sich. Zu ihnen gehörte Franz Nause.

Nach der Machtübernahme durch Hitler 1933 wurden die politischen Köpfe von KPD und SPD von den Nazis verhaftet, die Gewerkschaften entmachtet und die den Nazis unbequemen Parteien verboten. Ein Terrorstaat entstand, in dem Juden und auch Menschen mit unerwünschten Meinungen verfolgt, verhaftet und ermordet wurden. Aus der Gruppierung um Werner Blumenberg entwickelte sich unter dem Namen Sozialistische Front die wohl größte regionale Widerstandsor-ganisation in Deutschland. Schwerpunkt der Aktivitäten war Hannover – und hier Linden. Die Mitglieder, fast alle Sozialdemokraten oder der SPD nahestehend, waren in Kleingruppen eingeteilt, mehrere Gruppen bildeten eine Abteilung.

Im Mittelpunkt der Tätigkeiten stand die Herausgabe der Zeitung Sozialistischen Blätter. Sie erschien zeitweise in einer Auflage von bis zu 1000 Exemplaren. Neben der Analyse der Nazi-Politik wurde über deren Kriegsvorbereitungen und staatliche Unterdrückung berichtet. Herstellen, Verteilen und Lesen wurden drastisch bestraft. Neben Blumenberg gehörten Franz Nause und Willi Wendt zu den Köpfen der Sozialistischen Front. Franz Nause organisierte wesentlich den Aufbau der Abteilungen und war zusammen mit Wendt verantwortlich für die Herstellung der Sozialistischen Blätter. Hier halfen auch andere mit, z.B. die Verlobte von Franz Nause, Auguste Breitzke, oder Brunhild Schmedes. Nachdem es der Gestapo (Geheime Staatspolizei) gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen, wurde die Organisation im August 1936 größtenteils zerschlagen. Bis zum September 1937 folgten etwa 300 Verhaftungen. Franz Nause wurde am 30. Juni 1936 vorläufig festgenommen und war seit dem 3. August 1936 im Gerichtsgefängnis in Hildesheim in Untersu-chungshaft. Nach mehreren Berichten ist Franz Nause in der Haftzeit schwer misshandelt worden, weil er sich weigerte von seiner politischen Überzeugung Abstand zu nehmen und andere Mitglieder der Sozialistischen Front zu verraten. Franz Nause und fünf weitere Mitglieder wurden als „Rädelsführer“ 1937 vor dem Volksgerichtshof in Berlin angeklagt und verurteilt: Franz Nause zu zehn Jahren Zuchthaus. Bis 1940 saß er – wie viele andere Verurteilte der Sozialistischen Front – im Zuchthaus Hameln ein. 1940 wurde er dann in die Krankenabteilung des Zuchthauses Brandenburg-Görden überwiesen. Hier verstarb er am 20.3.1943 im Alter von 40 Jahren an den Folgen von Misshandlungen, Unterernährung und Krankheit. Die offizielle Todes-ursache war Tuberkulose. Seine Urne wurde auf dem Ricklinger Friedhof beigesetzt. Sein Grab ist heute ein Ehrengrab.

Nachwirkungen

Straßenumbenennung:

1950 wurde der Gartenweg in Limmer zu Ehren von Franz Nause in „Franz-Nause-Straße“ umbenannt. An andere Widerstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus erinnern in Linden-Limmer z.B. die Wilhelm-Bluhm-Straße, die Heesestraße oder das Werner-Blumenberg-Haus.

Programm zu Ehren Franz Nauses:

Stolpersteinverlegung von Gunter Demnig

Stolpersteinverlegung von Gunter Demnig

1.3.2010 um 18 Uhr: Vortrag: Franz Nause – ein sozialdemokratischer Widerstandskämpfer in Hannover-Limmer von Holger Horstmann, Egon Kuhn und Jonny Peter, in der Warenannahme des Kulturzentrums FAUST, Zur Bettfedernfabrik 3, 30451 Hannover im Rahmen des Jour fixe zur Lindener Geschichte, einem Projekt von Quartier e.V., Otto-Brenner-Akademie und Kulturzentrum FAUST gefördert von der Stiftung Leben und Umwelt/ Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen

22.3. um ca. 15.45 Uhr Stolpersteinsetzung zu Ehren von Franz Nause durch Gunter Demnig an der Kesselstraße 19, Hannover-Limmer. Und Ehrung am Grab von Franz Nause auf dem Ricklinger Stadtfriedhof. Die Uhrzeit dafür steht noch nicht fest.

Stolperstein für Franz Nause

Stolperstein für Franz Nause

26.3.2010 um 16 Uhr im Freizeitheim Linden, Fred-Grube-Platz 1, Ausstellungseröffnung zu Franz Nause von Quartier e.V. und Otto-Brenner-Akademie + Vorstellung der Franz-Nause-Broschüre von Jonny Peter, Holger Horstmann und Egon Kuhn + 17 Uhr Rundgang „Gegen das Vergessen“ zu Ehren von Franz Nause durch Limmer ab Freizeitheim Linden

Quelle: Jonny Peter/Holger Horstmann (Quartier e.V.): Franz Nause – ein sozialdemokratischer Widerstandskämpfer aus Hannover-Limmer, Hannover-Linden 2010

Zum Download: ›Handzettel zum JourFixe, ›Faltblatt, ›Plakat

Wilhelm Bluhm

Wilhelm Bluhm

Wilhelm Bluhm

Wilhelm Bluhm wurde am 24.12.1898 als drittältestes der neun Kinder von Karoline und vom Metallarbeiter Wilhelm Bluhm in Linden geboren. Vater Wilhelm verstarb 1917 mit nur 48 Jahren, so dass sich Sohn Wilhelm in jungen Jahren intensiv um die Mutter und die kleinen Geschwister kümmern musste. Die Familie lebte in der Nedderfeldstraße 8, 2. Etage rechts.

Nach der Schule begann Wilhelm Bluhm eine Schlosserlehre bei der Hanomag. Im Anschluss daran arbeitete er in verschiedenen Fabriken, vor allem aber bei der Hanomag und zum Schluss bei der Post als Betriebsarbeiter.

Schon früh schloss sich Bluhm der Sozialistischen Arbeiterjugend und dem Metallarbeiterverband an. Zudem trat er in die SPD ein, für die er bald als Kassierer der 23. Abteilung in Linden-Nord tätig war. Als sich Anfang der 1930er Jahre die politische Situation in Deutschland zuspitzte, begann auch in Teilen der hannoverschen SPD die Vorbereitung auf eine mögliche Illegalität für den Fall, dass die Nationalsozialisten an die Macht kommen sollten. Werner Blumenberg, Pastorensohn und seit 1928 Redakteur der SPD-Zeitung „Volkswille“, organisierte in monatelanger Vorbereitungszeit den Widerstand und sammelte aktive, zuverlässige Parteigenossen und Reichsbannermitglieder um sich, die der abwartenden Haltung der SPD-Parteiführung kritisch gegenüber standen. Nach der Machtübernahme 1933 durch Hitler wurden die politischen Köpfe von KPD und SPD von den Nazis verhaftet, die Gewerkschaften aufgelöst und die den Nazis unliebsamen Parteien verboten. Ein Terrorstaat entstand, in dem Juden und auch Menschen mit unerwünschten Meinungen verfolgt, verhaftet und ermordet wurden. Aus der Gruppierung um Werner Blumenberg entwickelte sich unter dem Namen Sozialistische Front die größte regionale Widerstandsorganisation im Nationalsozialismus. Schwerpunkt der Aktivitäten war Hannover – und hier Linden. Die Mitglieder waren in Kleingruppen eingeteilt, mehrere Gruppen bildeten eine Abteilung. Im Mittelpunkt der Aktivitäten stand die Herausgabe der Sozialistischen Blätter, die zeitweise in einer Auflage von bis zu 1000 Exemplaren erschienen. Neben der Analyse der Nazi-Politik wurde über Kriegsvorbereitungen und staatliche Unterdrückung berichtet. Herstellen, Verteilen und Lesen wurden drastisch bestraft. Wilhelm Bluhm hatte nach der ersten Verhaftungswelle gegen die Sozialistische Front Anfang 1935 die Leitung der Abteilung IV (Linden-Nord) von Willi Wendt übernommen, der zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Nach dem es der Gestapo (Geheime Staatspolizei) gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen, wurde die Organisation im August 1936 größtenteils zerschlagen. Bis zum September 1937 folgten etwa 300 Verhaftungen. Wilhelm Bluhm selber war am 15.9.1936 festgenommen und dann zu fünf Jahren und zwei Wochen Zuchthaus in Hameln verurteilt worden. Dort saßen viele politische Gefangene ein. Nach Ablauf der Strafe wurde Bluhm – wie auch andere Mitglieder der Sozialistischen Front – nicht freigelassen, sondern von den Nazis in „Schutzhaft“ genommen und in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin transportiert.

Das überlebte Wilhelm Bluhm nur wenige Monate. Am 25.7.1942 verstarb er im KZ.

Die Urne wurde nach Hannover überführt und am 26.8.1942 auf dem Ricklinger Friedhof beigesetzt. Die Beerdigung glich einer Demonstration: mindestens 250 Lindener Genossen nahmen daran teil – überall beobachtet von der Gestapo.

Straßenumbenennung: Die heutige Wilhelm-Bluhm-Straße hieß ursprünglich wegen der anliegenden Gummifabriken Gummistraße, wurde dann aber 1950 zum Gedenken an den Widerstandskämpfer Wilhelm Bluhm umbenannt. Weitere Straßenbenennungen im Zusammenhang mit Opfern des Nationalsozialismus im Stadtbezirk Linden-Limmer sind z.B. der Sinti-/Roma-Gedenkstein am Fischerhof, die Heesestraße in Linden-Mitte sowie die Franz-Nause-Straße und der Gedenkstein zum ehemaligen KZ-Außenlager in Limmer. An der Ihme am Heizkraftwerk erinnert ein Weg an Bernhard Almstadt, und an der Pfarrlandstraße wurde die Altenwohnanlage nach Werner-Blumenberg, dem Leiter der Sozialistischen Front, benannt. Mit dem Umbau der Bettfedernfabrik in den 1990er Jahren wurde auch der Bereich vor FAUST umbenannt: so der Teil der Wilhelm-Bluhm-Straße zur Stärkestraße hin nach dem Lindener Arbeiterfotografen Walter Ballhause. Direkt vor FAUST wurde eine neue Straße angelegt, sodass FAUST nun nicht mehr an der Wilhelm-Bluhm-Straße liegt, sondern „Zur Bettfedernfabrik“ als Adresse hat.

Legendentafel: Fünfzig Jahre nach der Verhaftung Wilhelm Bluhms, also 1986, hat die 23. Abteilung (Linden-Nord) der SPD ein Legendenschild gestiftet, das in der Wilhelm-Bluhm-Straße/ Ecke Bennostraße angebracht wurde. Sie wollte damit die Erinnerung an ihren ehemaligen Kassierer und die sozialdemokratische Widerstandsorganisation Sozialistische Front wachhalten.

Denkmal: 1991 wurde der Verein FAUST (Verein zur Förderung von Fabrikumnutzung und Stadtteilkultur) gegründet, der dann in den Räumlichkeiten der ehemaligen Bettfedernfabrik Werner&Ehlers ein soziokulturelles Zentrum eingerichtet hat. Anlässlich des 50. Todestages von Wilhelm Bluhm 1992 begann FAUST zusammen mit dem Freizeitheim Linden und der Geschichtswerkstatt Hannover ein Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte Bluhms mit Ausstellung, Veranstaltungen, Broschüre und der Anbringung eines von Wolfgang Supper gestalteten Gedenksteins am FAUST-Verwaltungsgebäude mit dem Motiv „Der aufrechte Gang“.

Stolpersteinlegung:

Stolpersteinlegung - Gunter Demnig und Egon Kuhn

Stolpersteinlegung – Gunter Demnig und Egon Kuhn

Am 3.3.2009 wurde an der Nedderfeldstraße 8 von Gunter Demnig ein Stolperstein zu Ehren von Wilhelm Bluhm gesetzt. An der Ehrung nahmen über 120 Personen teil.

Copyright: Jonny Peter

Quelle: Jonny Peter/Holger Horstmann (Quartier e.V.): Wilhelm Bluhm – ein Lindener Widerstandskämpfer, Hannover-Linden 2009