Quartier e.V.

  

Linden- Ein Ort der Zuwanderung

Martinskirche
Martinskirche
In der ersten Phase der Frühindustrialisierung - bis ca. 1840 - kamen die Beschäftigten der Lindener Betriebe aus der näheren Umgebung. Sie stammten aus dem Calenberger Land, dem Weserbergland und Lippe, vor allem jedoch aus dem katholisch geprägten Eichsfeld. Mit dem zunehmenden Aufschwung der Fabriken wurden dann verstärkt Facharbeiter aus England, Belgien und Frankreich an die Ihme gelockt, die den Qualitätsvorsprung der ausländischen Konkurrenz durch Ausbildung von einheimischen Fachkräften ausgleichen sollten. Der Beitritt des Königreiches Hannover zum Zollverein und die damit einhergehende Belebung der Textilindustrie sorgte für einen weiteren Zuzug von ArbeiterInnen.

Die Lebenssituation der abhängig Beschäftigten war durch sehr harte Arbeitsbedingungen und eine allgemein herrschende Wohnungsnot geprägt. In wirtschaftlichen Krisensituationen mußten sie zudem bei mangelhafter oder nicht vorhandener sozialer Absicherung mit Erwerbslosigkeit rechnen. Eine zweite Welle der Arbeitseinwanderung verdoppelte die Bevölkerungszahl innerhalb kurzer Zeit auf ca. 21.000 Einwohner im Jahr 1875. Nach der preussischen Okkupation des Königreiches Hannover schufen juristische Festlegungen (Gesetz über Freizügigkeit und Eheschließung ohne obrigkeitsstaatliche Einwilligung) neue Bedingungen für eine größere Mobilität der Arbeiterschaft. Durch die Anwerbung billigerer Arbeitskräfte aus östlichen Gebieten (Pommern, Schlesien, Sachsen) hatten die Unternehmer allerdings die Möglichkeit, ihre Lohnkosten zu senken. Die staatlichen Behörden zeigten sich nicht erfreut über den schwer kontrollierbaren Zuzug von Neueinwohnern und fürchteten eine "Überflutung" Lindens mit schwerwiegenden sozialen Mißständen. Aber auch sie konnten die Entstehung neuer und Erweiterung bestehender Stadtteile - im übrigen eine reichsweite Entwicklung - nicht aufhalten.

Der Bevölkerungszuwachs hielt bis zum 1. Weltkrieg weiter an. Vor allem aus den deutschen Ostgebieten, aber auch aus Polen und Galizien wanderten viele Landarbeiter wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten und der größeren individuellen Freiheit in die industriellen Ballungszentren ein. Die Arbeitskräfte in Linden waren knapp, die Bezahlung dementsprechend relativ gut. In der Metall- und Maschinenbauindustrie warben die Unternehmen Arbeiter aus anderen Industriezweigen mit hohen Löhnen ab. Meist rückten dann die Zuwanderer in die frei gewordenen, niedriger bezahlten Arbeitsplätze nach. Auch der Andrang von Arbeitern aus der allernächsten Umgebung - der Stadt Hannover- war groß, weil sich die neu entstandenen, kostengünstigen Wohnungen in Linden-Nord großer Beliebtheit erfreuten. Die Belastung für die vorhandenen Gemeinschaftseinrichtungen erhöhten sich dadurch natürlich nochmals.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Linden zum Zufluchtsort. Hier waren zwar auch Bomben gefallen, aber die Schäden an den Häusern fielen nicht so dramatisch aus wie anderenorts. Nicht nur aus dem weitgehend zerstörten Hannover, auch von weiter her - insbesondere aus dem Osten – sammelten sich Ausgebombte und Flüchtlinge in Linden und Limmer und mußten sehr eng zusammenrücken. Durch rege Bautätigkeit in der Nachkriegszeit entspannte sich die Lage jedoch wieder.

Die nächste "Einwanderungswelle" setzte dann zu Beginn der 70er Jahre ein. Zum einen kamen viele "Gastarbeiter", zuerst allein, dann mit ihren Familien. In den 80er und 90er Jahren folgten dann Asylsuchende.

Zeitgleich wurde Linden von den StudentInnen entdeckt. Diese zogen in die meist kleinen und billigen Wohnungen in Universitätsnähe ein.

Es scheint fast so, als habe Zuwanderung eine gewisse Tradition in Linden. Vielleicht hat man sich deshalb hier so gut arrangiert.

Holger Horstmann

Die Fabriken brauchten viel Platz, aber natürlich musste auch Wohnraum für die zahlreichen Arbeitskräfte geschaffen werden. Während Teile von Linden-Mitte als alter Dorfkern schon lange bebaut waren, gab es bald auch in Linden-Süd die ersten Wohnhäuser, Linden-Nord war dagegen fast völlig unbebaut - abgesehen vom Industriegürtel an der Ihme. Hier wurden erst Mitte der 1850er Jahre im Bereich Fannystraße (vor ca. 30 Jahren abgerissen) sowie Fortuna- und Viktoriastraße die ersten Häuser angelegt. In der Fannystraße ließ Adolph Meyer für "seine" Arbeiter und Arbeiterinnen eine kleine "Kolonie" mit zweigeschossigen Kleinstreihenhäusern (35 qm Wohnfläche) anlegen. Jetzt galten 2-geschossige Häuser als städtisch. Bauliche Auflagen gab es fast nur für die Straßenseite. Typisch war in dieser Zeit das Mittelflurhaus, entweder mit Eingang zur Straße (Wohnfläche pro Geschoss ca. 80-90 qm) oder an der Seite (dann Doppelhaus, ca. 40-50 qm pro Etage).

Linden war enorm gewachsen und hatte an Bedeutung gewonnen, im Dorf galt aber noch bis 1856 die alte Gemeindeordnung,
d.h. nur Hofbesitzer (61 an der Zahl) konnten den Bauernmeister wählen. Arbeiter durften an den Kommunalwahlen lange Zeit noch nicht teilnehmen. 1863 wurde das erste Gemeindehaus an der Posthornstraße errichtet. 1865/67 wollte Linden die Vereinigung mit Hannover, da man als Dorf mit den Problemen (keine Kanalisation, keine Wasserversorgung, keine festen Straßen, keine geregelte Müllabfuhr) nicht fertig werden konnte. Hannover lehnte jedoch (wie auch in den Folgejahrzehnten) wegen der zu erwartenden finanziellen Belastung ab.

Aufgrund kontinuierlicher Wirtschaftskrisen gab es ein ewiges Auf und Ab in der Industrie, häufig mussten Arbeitskräfte mehr oder weniger lange entlassen werden. Diese konnten nur teilweise in anderen Industriezweigen aufgenommen werden, Hungersnöte waren demzufolge keine Seltenheit.

Im Krieg Preußens gegen Österreich stand Hannover auf Seiten der Österreicher. Preußen besiegte Österreich und besetzte am 17.6.1866 das Königreich Hannover. Georg V, der letzte Welfenkönig, floh ins Exil und Hannover wurde preußische Provinz.

Ende der 60er Jahre starben mit Georg Egestorff und Adolph Meyer für Linden wichtige Unternehmer.

Henry Bethel Strousberg, der sogenannte "Eisenbahnkönig", übernahm Egestorffs Maschinenfabrik und baute sie schnell zur zeitweilig wohl größten Eisenbahnfabrik Deutschlands aus. Strousberg baute nicht nur Eisenbahnen, er plante auch Bahnstrecken und ließ diese anlegen. 1872 wurden die Bahnhöfe am Fischerhof (für die Maschinenindustrie) und auf dem Gelände des ehemaligen Gartens die Station Küchengarten - vor allem für die Textilindustrie - angelegt. Durch Verbesserung der Wanderungsmöglichkeiten (Freizügigkeit, Eheschließung ohne behördliche Genehmigung) stieg die Einwohnerzahl von 11.500 im 1867 auf dann 21.000 im Jahr 1875. Linden war allerdings immer noch Dorf, bewohnt vorwiegend von Arbeitern und Arbeiterinnen, die mit ihrem Verhalten auch das Leben im Ort prägten und sich in ihren Organisationen außerhalb der Arbeitszeit trafen: z.B. in Arbeitergesangs- und Turnvereinen. 1866 konnte in Hannover auch ein Ortsverein des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) gegründet werden. Es galt das Wahlrecht des Norddeutschen Bundes, so dass jetzt bei den Reichstagswahlen Arbeiter teilnehmen konnten. Allerdings: Frauen waren bis zur Weimarer Republik vom Wahlrecht ausgeschlossen; bei Wahlen zum Preußischen Landtag galt weiter das Dreiklassenwahlrecht, und bei Kommunalwahlen waren Arbeiter nach wie vor weitgehend ohne Stimmrecht.

Bei den Reichtagswahlen 1867 erhielt die Sozialdemokratische Partei in Linden zwar fast 48 % der Stimmen, im gesamten Wahlkreis mit Hannover aber nur 11%. Dies änderte sich bei den folgenden Wahlen zugunsten des sozialdemokratischen Kandidaten. Die Arbeiter organisierten sich zunehmend in Gewerkschaften; die ersten größeren Streiks fanden 1868/69 für Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen statt (die Arbeitszeit betrug durchaus noch ca. 60 Stunden die Woche!).

Schwerwiegend war weiter die Wohnungsnot. Strousberg legte deshalb ca. 1870 auf dem Fabrikgelände der späteren Hanomag eine neue Arbeiterkolonie an mit verhältnismäßig billigen und komfortablen Reihenhäusern: im Volksmund "Klein-Rumänien" genannt, weil bei Bezug der Wohnungen gerade Lokomotiven nach Rumänien geliefert wurden. Wer streikte, konnte auch entlassen werden und die Werkswohnung verlieren.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg nahm in der sogenannten Gründerzeit die Industrie einen erneuten Aufschwung. Strousberg allerdings musste aufgrund von Fehlspekulationen die Fabrik an hannoversche Banken verkaufen. Seitdem heißt die Fabrik: HANOMAG (Hannoversche Maschinenbau AG). Bei der Hanomag arbeiten zeitweise über
3.000 Personen und wurden 250 Lokomotiven pro Jahr produziert. Auch die Textilindustrie expandierte: In der Mechanischen Weberei konnte ein weltweit einmaliges Färbeverfahren für die Velvetstoffe entwickelt werden, der blau-schwarze Lindener Samt erreichte Weltruhm. Mit ca.
3.000 Beschäftigten war 1885 die Mechanische Weberei die größte Weberei auf dem Kontinent.

Für diese Menschenmassen musste natürlich weiter Wohnraum geschaffen werden: So entstanden ab ca. 1870 viele Häuser auf dem "Nedderfeld" in Linden-Nord im Bereich der Elisenstraße. In Linden-Mitte wurden an der Kirche und an der Nieschlagstraße, in Linden-Süd vor allem im Bereich Charlotten- und Ricklingerstr. Wohnstraßen gebaut. Dazu kamen dann weitere Arbeiterkolonien an der Fanny-/Mathildenstraße und Velvet-/Pfarrlandstr. (vor ca. 30 Jahren völlig abgerissen) von der Baumwollspinnerei bzw. Mechanischen Weberei. Die Häuser waren jetzt meistens 3-geschossig mit nach wie vor kleinen Wohnungen. Man bemühte sich jetzt verstärkt, abgeschlossene Wohneinheiten zu schaffen. Pro Etage gab es meistens nur einen Wasseranschluß, oft sogar noch Pumpen auf dem Hof, wo auch die Toiletten standen. Es gab nach wie vor keine festen Straßen (sie waren bei Regen oft eher Schlammlöcher) und keine Kanalisation. Die Sterblichkeitsrate war sehr hoch, epidemische Krankheiten keine Seltenheit.

Die ohnehin nicht zahlreich vorhandenen Schulen waren völlig überlastet. In den Volksschulen - weiterführende Schulen gab es erst gegen Ende des Jahrhunderts - waren durchschnittlich 73,
z.T. sogar 100 SchülerInnen in einer Klasse.

Auch die Kirchen, zur Martinskirche war die ebenfalls evangelische Zionskirche (heute Erlöserkirche) und die katholische Godehardkirche dazugekommen, waren überlastet.

An Infrastrukturmaßnahmen waren außerdem der Anschluß des Schwarzen Bären mit einer Pferdebahnlinie nach Hannover und 1890 der Bau der Spinnereibrücke (heute Leinertbrücke) von Bedeutung.

Durch Wirtschaftskrisen (etwa bei der Hanomag) kam es erneut zu Hungersnöten vor allem in Linden-Süd. Die aufkommende Bauindustrie und die florierende Textilindustrie konnten allerdings einige Arbeitskräfte übernehmen.

Im Krisenjahr 1878 wurden die Sozialistengesetze erlassen, trotzdem konnten die Sozialdemokraten 1884 mit Unterstützung der Nationalliberalen (gegen die Welfen!) den Reichstagswahlkreis gewinnen und behielten ihn auch bis zum Ende der Weimarer Republik 1933.