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Das Zeitalter der Industrialisierung

Mechanische Weberei, um 1880
Mechanische Weberei, um 1880


Die erste Dampfmaschine, eines der Kennzeichen der industriellen Revolution, wurde 1828 im hannoverschen Stadtkrankenhaus (heutige Hautklinik) in Linden eingesetzt: 1 PS stark. Ein weiteres Kennzeichen der Industrialisierung war die Eisenbahn. Sie war in Hannover lange Zeit umstritten. König Ernst August: "Ich will keine Eisenbahn in meinem Lande. Ich will nicht, daß jeder Schuster und Schneider so rasch reisen kann wie ich." Unter anderem deshalb wurde in Hannover - wie bei allen anderen Neuerungen auch später als in anderen Ländern - erst 1843 die Eisenbahn eingeführt. Die erste Strecke führte von Hannover erst nach Lehrte und dann kurze Zeit später bis Braunschweig.

Als Johann Egestorff 1834 starb, hinterließ er mehrere Unternehmen mit insgesamt 400 Arbeitern. Sein ältester Sohn Georg (1802-1868) baute diese noch erheblich aus und gründete auch weitere (Saline Egestorffhall, Chemische Fabrik). Das wohl wichtigste Unternehmen wurde die 1835 gegründete Eisengießerei und Maschinenfabrik (später: Hanomag) an der Göttinger Straße. Anfangs eher ein kleines Unternehmen, erlebte es dann durch den Eisenbahnbau einen riesigen Aufschwung: 1846 wurde hier die erste Lokomotive gebaut, benannt nach König "Ernst August". Die Fachkräfte kamen in der Anfangszeit oft aus England, da vor Ort gut ausgebildete Arbeiter noch fehlten.

Zu dieser Zeit lag der Schwerpunkt des Gewerbes noch bei den Ziegeleien, Steinbrüchen und Kalkbrennereien. Das änderte sich aber in den Folgejahren rasant. Zur Linden-Süd prägenden Metallindustrie kam dann in Linden-Mitte und Linden-Nord ein weiterer wesentlicher Industriezweig Lindens hinzu: die Textilindustrie.

1837 hatten die Bankiers Adolph Meyer und Alexander Cohen mit Partnern die erste Mechanische Baumwollspinnerei im Königreich gegründet: die Mechanische Weberei an der Ihme (heute befindet sich hier das Ihme-Zentrum). Produziert wurde in dieser anfangs noch recht kleinen Fabrik roher Kattun.

Durch die Freisetzung waren genug Arbeitskräfte vorhanden. Neben den traditionellen Handwerkern gab es jetzt zunehmend Fabrikarbeiter und Tagelöhner. Die Arbeitsbedingungen waren ebenso schlecht wie die Wohnverhältnisse. Viele mussten in notdürftig umgebauten Ställen oder Nebengebäuden "wohnen". Oft wurden auch nur "Schlafstellen", also Betten, vermietet.

Die Einwohnerzahl Lindens stieg weiter deutlich an: von 1617 im Jahre 1821 auf 3.366 Einwohner im Jahre 1848 - trotz restriktiver Bevölkerungspolitik der Behörden. Es mussten, um genügend Arbeitskräfte unterzubringen, nun verstärkt Wohnungen gebaut werden. Die Anfänge des Arbeiterwohnungsbaus waren in Linden-Süd, wo der Essigfabrikant Heinrich Behnsen und dann der Kötner und Viehverschneider Konrad Haspelmath an der Behnsen-, Charlotten-, Haspelmath- und Wesselstraße die ersten Häuser (eingeschossige Fachwerkbauten) anlegen ließen.

1848 wurde - hervorgehend aus einem Buchdrucker-Leseverein - in Hannover ein Arbeiterverein gegründet, ein Jahr später auch einer in Linden. Unternehmer Egestorff wurde sogar als Ehrenmitglied aufgenommen. Kurze Zeit nach ihrer Vereinigung wurde der eher zurückhaltende Arbeiterverein zwischenzeitlich vom reaktionären König verboten. Nichtsdestotrotz konnte nicht nur mit Repression Politik betrieben werden. So wurden auch Anfänge sozialstaatlicher Versorgung unumgänglich, z.B. Betriebskrankenkassen eingeführt.

Die Wirtschaft nahm in den 1850er Jahren einen enormen Aufschwung, viele Betriebe wurden durch Aktiengesellschaften oder Banken gegründet, so etwa die spätere Lindener Aktien Brauerei in Linden-Mitte. Egestorff baute seine Maschinenfabrik aus, die Zahl der Arbeiter stieg hier von 330 auf fast 800. Noch stärker profitierte die Textilindustrie von neuen Schutzzöllen: Meyer und Cohen bauten ab 1853 die riesige Baumwollspinnerei und Weberei (heute Heizkraftwerk) neben die Mechanische Weberei. Die Hallen waren 4-geschossig, die Dampfmaschine hatte 500 PS (Egestorffs größte hatte nur 30 PS) und über 1.000 Arbeiter sollten hier arbeiten - das wäre ein Drittel der Lindener Einwohner. Es war die erste Fabrik, die ganz auf Holzkonstruktionen verzichtete (nur guss- und schmiedeeiserne Elemente) und nach englischem Vorbild die erste Sheddachkonstruktion in Deutschland erhielt. Auch die Mechanische Weberei wurde erweitert, an der Blumenauer Straße entstand ein alles überragendes 7-geschossiges Verwaltungsgebäude. In der Baumwollspinnerei arbeiteten dann 1.100 ArbeiterInnen, in der Mechanischen Weberei fast 1.200, in der Egestorffschen Maschinenfabrik zeitweise über 800.

Innerhalb kurzer Zeit war aus dem schönen Villenvorort ein Fabrikort auf der zuvor grünen Wiese geworden. Die Idylle war vorbei: rauchende Schornsteine verqualmten die Gegend und schädigten die Lungen, das Ihmewasser wurde von der Textilindustrie verschmutzt. Von den 1861 ca. 10.000 Einwohnern des Dorfes waren die Mehrzahl Zugezogene aus umliegenden ländlichen Gebieten, aber auch etwa aus dem Osten Deutschlands. Es waren vor allem Ein-Personen-Haushalte (geheiratet werden durfte nur am Heimatort). Die Textilindustrie benötigte vor allem nicht ausgebildete, billige Arbeitskräfte, vorwiegend Frauen, aber auch Kinderarbeit war nicht selten.