Quartier e.V.

  

Die Stadt Linden

Rathaus in der Deisterstrasse, 1910
Rathaus in der Deisterstrasse, 1910
Da Hannover nach wie vor die Eingemeindung Lindens ablehnte, wollte das scherzhaft so genannte "größte Dorf Preußens" (es gehörte tatsächlich zu den vier größten Dörfern) nun endlich Stadt werden. Obwohl es einige Vorbehalte gab (eine Mittelschicht würde weitgehend fehlen, ebenso "intelligente Mitwirkung") konnte dann zum 1.4.1885 Linden Stadt werden. Der erste Bürgermeister der inzwischen 25.000 Einwohner starken Gemeinde wurde dann der hannoversche Senator Georg Lichtenberg. Zuvor war noch an der Deisterstr./Ecke Ricklinger Str. das erste Lindener Rathaus erbaut worden. Nun konnten aufgrund höherer Steuereinnahmen und einer eigenen Verwaltung einige Fortschritte in der Versorgung mit Infrastruktureinrichtungen erzielt werden.

Mit dem wieder einsetzenden Wirtschaftsaufschwung und den dadurch benötigten Arbeitskräften stieg die Einwohnerzahl in Linden innerhalb von zehn Jahren von 28.000 auf 50.000 im Jahr 1900 an.

Arbeitersiedlung der Mechanischen Weberei zwischen Pfarrland- und Velvetstrasse, 1911
Arbeitersiedlung der Mechanischen Weberei zwischen Pfarrland- und Velvetstrasse, 1911
Nach der Aufhebung der Sozialistengesetze konnte sich die Arbeiterschaft halbwegs ungehindert entfalten und war wie in kaum einer anderen Stadt mit ihren eigenen Lebensweisen, der eigenen Kultur, den vielen Vereinen und Organisationen allgegenwärtig und prägte das "rote Linden". So erhielten z.B. die Sozialdemokraten bei den Reichstagswahlen in Linden stets über 70% der Stimmen. Zum bürgerlichen Zentrum Lindens sollte das heutige Linden-Mitte werden.
Hier wurde - gegen den Widerstand der ansässigen Bauern - der alte Dorfkern abgerissen und ein neues Rathaus gebaut sowie der Lindener Markt angelegt. Zugleich wurde versucht, gezielt durch Wohnungsbau für das Bürgertum, ein Gegengewicht zu den Arbeiterwohnungen zu schaffen (etwa Lichtenberg-, Pfarrland- und Bethlehemplatz, Beethovenstraße).

Dies konnte jedoch kaum gelingen, dazu war der Anteil der Arbeiter und Arbeiterinnen an der Bevölkerung zu groß und Linden als Wohngebiet zu unattraktiv wegen der vielen Industriefabriken und der zahlreichen - mitten zwischen Wohnhäusern gelegene - Kleinbetriebe. Es dominierte Arbeiterwohnungsbau - inzwischen meistens vier- bzw. viereinhalbgeschossig, mit bebauten Hinterhöfen, überbauten Toreinfahrten und 2 ca. 50 qm großen Wohnungen pro Etage. Die hygienische Situation war nach wie vor nicht zufriedenstellend: die sogenannten "Proletarierkrankheiten" wie Tuberkulose, Diphtherie und Erkrankungen der Atmungsorgane waren überdurchschnittlich hoch, ebenso die Kindersterblichkeit.

Als eine Maßnahme gegen die um sich greifende private Bauspekulation wurde der Spar- und Bauverein gegründet. Diese Baugenossenschaft versuchte billigen, aber guten Mietwohnungsbau zu erstellen und wurde zum Vorbild in ganz Deutschland. Es gab weitere "Selbsthilfeorganisationen", etwa den Haushaltsverein, der versuchte, Produkte durch Ausschaltung des Kleinhandels billig zu halten.

Nach einer recht kurzen Amtszeit von Karl Lichtenberg wurde 1901 Hermann Lodemann Bürgermeister der Stadt Linden. In dieser Zeit ebbte der Bevölkerungsanstieg etwas ab (stockender Zuzug, niedrigere Geburtenziffern). Dennoch hatte die Stadt Linden 1910 über 73.000 EinwohnerInnen und war damals größer als Osnabrück, Hildesheim, Göttingen oder Lüneburg. Dazu führten allerdings auch 1909 die Eingemeindungen von Limmer, Davenstedt, Badenstedt und Bornum. Nach der Eingemeindung von Ricklingen 1913 kam die Stadt Linden sogar auf über 86.000 EinwohnerInnen. Dies lag wiederum an gescheiterten Eingemeindungsversuchen nach Hannover, an fehlenden Flächen in Linden (insbesondere für die Industrie) und an nötigen gemeinsamen Infrastrukturmaßnahmen (z.B. Kanalisation, Lindener Hafen).

Die Lebenssituation war nach wie vor durch Armut und enorme Arbeitsbelastungen bestimmt. Anfang dieses Jahrhunderts kam es zu großen Streiks, die mit massiven Aussperrungen seitens der Arbeitgeber beantwortet wurden. Trotzdem konnte die Arbeitszeit um die Jahrhundertwende aufgrund der inzwischen gut organisierten Arbeiterschaft im allgemeinen von 12 auf 10 Std. am Tag gekürzt werden; die TextilarbeiterInnen mussten aber noch 11 und dann 10 ½ Std. arbeiten. 1913 betrug die durchschnittliche Wochenarbeitszeit im Metallgewerbe dann 56,5 bis 57 Stunden (inklusive Samstagsarbeit).

Neben der sozialdemokratischen Partei und den Gewerkschaften waren die vielfältigen Arbeitervereine wichtig für das Leben der meisten LindenerInnen. Zu Arbeitergesangs- und Arbeitersportvereinen kamen etwa Genossenschaften, Naturheilverein Prießnitz, Naturfreunde und die Freireligiöse Gemeinde. Dazu spielte sich vieles an Freizeit in den zahlreich vorhandenen Kneipen ab, etwa im "Schwarzen Bären" (1901/02 als Jugendstilbau neuerrichtet, im
2.Weltkrieg zerstört) oder im "Posthorn" (im Rahmen der Sanierung abgerissen) sowie den vielen Eckkneipen. Es entstand eine eigene Kultur, ein eigenes "Lager" - ausgegrenzt und abgegrenzt vom Bürgertum. Bei Kommunalwahlen gelang es erstmals 1911 (nur ca. ein Drittel der Wahlberechtigten waren Arbeiter!) mit Wilhelm Sporleder wenigstens einen Sozialdemokraten in das 29-köpfige Kollegium zu wählen. Erst mit der Weimarer Republik gab es beim Wahlrecht grundlegende demokratische Änderungen (z.B. gleiches Wahlrecht, Frauenwahlrecht).

In Linden existierten mehrere große Industriezentren: in Linden-Süd z.B. mit der Hanomag, am Bauweg mit den Metallfabriken Körting und Lindener Eisen- und Stahlwerken, in Limmer z.B. mit den Gummiwerken Excelsior und der Leimfabrik Sichel sowie an der Ihme mit den Textilfabriken und an der Stärkestraße nun auch mit der Gummiindustrie. Dazu kamen Mittelbetriebe wie etwa die Hannoversche Brotfabrik, die Wurstfabrik Ahrberg, Lindener Aktien-Brauerei oder die Reinigungskette Stichweh. Diese Fabriken mussten oft umbauen, um die sich rasch entwickelnden neuen Technologien anwenden zu können.