Quartier e.V.

  

Nachkriegszeit bis Heute

Fortunastrasse, Ende der 70er Jahre
Fortunastrasse, Ende der 70er Jahre
In der unmittelbaren Nachkriegszeit war Linden mit ein Gründungsort der neuen SPD (für die Westzonen), denn Kurt Schumacher war aus dem KZ nach Hannover gekommen, verlegte sein Büro in die Jacobsstr. 10, meldete die SPD wieder als Partei an und übernahm schnell ihre Leitung. Einige aus seiner Umgebung, etwa Annemarie Renger oder Egon Franke, wurden bundesweit einflussreiche Politiker. Den Neuaufbau in Hannover organisierten weitgehend unbelastete Politiker, die dann auch Leitungspositionen übernahmen, so etwa August Holweg als Oberbürgermeister.

Linden nahm aufgrund der vielen noch unzerstörten Häuser ausgebombte HannoveranerInnen und auch Leute aus dem Umland auf. Lindens Wohnungen waren wieder, wie zu Zeiten der Industrialisierung, vollgestopft mit Menschen.

Gegen Ende der 1950er Jahre wurden dann erste Überlegungen zur Sanierung des Stadtteils angestellt. Die Bausubstanz war alt, der Standard der Wohnungen eher schlecht (meistens keine Bäder, Toiletten auf halber Treppe, im Keller oder noch auf dem Hof, geheizt wurde oft mit Kohleöfen) und Linden lag im Westen wie ein störender Gürtel um die Innenstadt, die sich so nicht ausweiten oder verkehrsmäßig gut erschließen ließ. Gutachten für Linden-Nord (Limmerstr.) und Linden-Süd (Charlottenstr.) von Prof. Göderitz aus Braunschweig sahen denn auch weitgehend den Abriss der Häuser und stattdessen Hochhäuser und mehrspurige Straßen durch Linden vor.

Viktoriastrasse, Ende der 70er Jahre
Viktoriastrasse, Ende der 70er Jahre
Daraus wurde vorerst nichts. Sanierung entwickelte sich aber zum beherrschende Thema der nächsten Jahrzehnte. Mit der "alten" Industrie ging es weiter bergab. Anfang der 1960er Jahre wurde auf dem Gelände der alten Baumwollspinnerei das Heizkraftwerk errichtet, in den 70er Jahren anstelle der Mechanischen Weberei (Lindener Samt) das riesige Ihme-Zentrum gebaut. Und das "Fabriksterben" ging und geht weiter. Aus der ehemaligen Industriehochburg, in der Wohnen und Arbeiten vermischt war, wird ein Wohnort mit einigen Angeboten im Dienstleistungsbereich. Die für Linden typischen kleinen Läden und Gewerbebetriebe verschwanden wie anderenorts - allerdings beschleunigt durch die Sanierung.

Linden-Süd war 1972 als eines der ersten Sanierungsgebiete der Bundesrepublik festgelegt worden. Die städtebauliche Sanierung wurde 1990 abgeschlossen. Linden-Nord folgte 1976 als zweites Sanierungsgebiet; die Sanierung wurde 2000 beendet. In einem Sanierungsgebiet hat der Träger der Maßnahmen (in Hannover die Kommune) zur Behebung städtebaulicher Mißstände mehr Eingriffsmöglichkeiten als sonst und konnte über zusätzliche Finanzmittel (von Bund und Land) verfügen. Praktisch hieß dies, dass die Stadt Grundstücke bzw. Häuser aufkaufen konnte, um sie dann abzureißen oder zu modernisieren. Für die Mieter gelten hier besondere Schutzrechte (Sozialplanung). Neben Modernisierungen und Neubauten wurden im Rahmen der Sanierung vor allem Hinterhäuser und störende Gewerberäume abgebrochen. Stattdessen wurden z.B. Grünflächen, Kinderspielplätze oder Tiefgaragen geschaffen. Auch eine Neugestaltung des Straßenraumes gehörte dazu. Jüngstes Beispiel ist die Umgestaltung der Limmerstraße.

Sanierungen verlaufen nicht konfliktfrei. Schließlich müssen die Menschen ihre z.T. jahrzehntelang bewohnte Umgebung verlassen und in den neuen Wohnungen erheblich mehr Miete bezahlen. Vertreibung der LindenerInnen stand im Zentrum der Befürchtungen. Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Bürgerinitiativen, so dass auch Hausbesetzungen gerade in den Anfangszeiten der Sanierung nicht selten waren - insbesondere bei Abrissen, Leerständen oder zu Spekulationszwecken missbrauchten Häusern. Insgesamt sind in Linden-Süd weitaus mehr Abrisse und "Umwälzungen" vorgenommen worden als in Linden-Nord. Hier hat die Stadt teilweise dazugelernt (dazulernen müssen), gab es mittels verschiedener Modelle (Anwaltsplanung, Gemeinwesenarbeit, Sanierungskommissionen, Stadtteilforum etc.) bald regulierte Auseinandersetzungsformen, so dass die Konflikte eher schon im Vorfeld ausgeräumt wurden.

Zehn Jahre, nachdem die Sanierung in Linden-Süd beendet worden war, zeigte sich, dass erneut etwas gegen einen gewissen sozialen Abwärtstrend in Linden-Süd übernommen werden musste. Versuche, den Stadtteil in das Bundesprogramm Soziale Stadt aufzunehmen, scheiterten zwar, dafür wurde aber aus dem städtischen Haushalt Geld zur sozialen Stabilisierung eingesetzt. Zahlreiche Aktivitäten beleben derzeit den Stadtteil.

Durch den Niedergang vieler Fabriken wurden auch wieder riesige Flächen für andere Nutzungen frei. So entstand auf dem Gelände in der ehemaligen Bettfedernfabrik Werner&Ehlers das Kulturzentrum FAUST und ein Ökologischer Gewerbehof, auf dem Gelände einer ehemaligen Wurstfabrik das neue Ahrbergviertel in den alten Gebäuden. Auf dem Hanomag-Gelände wurde ein Teil von zwei Baumärkten wieder belebt. Das Grundstück der ehemaligen Gilde-Brauerei wartet noch auf eine Umnutzung. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch eine Attraktivierung des Ihme-Zentrums.