20 Jahre Quartier e.V.

20 Jahre Quartier e.V. – Ein Rückblick

Küchengartenpavillon

20 Jahre Quartier e.V. seit dem 19.2.2000

von Jonny Peter (Gründungsmitglied, Vorstandsmitglied bis 2019), Februar 2020

 

Am 19.2.2000 gründeten im Kulturzentrum FAUST acht Leute, die sich aus Bürgerinitiativen und Kulturprojekten wie BAKU und FAUST kannten, den Verein Quartier e.V. Es waren Sozialwissenschaftler, Historiker, Künstler und Sozialpädagogen, die sich mit den Themen Quartiersentwicklung und -management, Stadtteilgeschichte und Kultur sowie Arbeit beschäftigen und dafür als Konstrukt einen kleinen, gemeinnützigen Verein nutzen wollten.

Erste Veranstaltungen über Quartiersmanagement in Linden fanden dann auch statt. Das Konzept des Vereins änderte sich aber schnell und der räumliche und inhaltliche Schwerpunkt verlagerte sich auf den Lindener Berg.

Durch Zufall wurde vom Verein bemerkt, dass der Küchengartenpavillon auf dem Bergfriedhof leer stand und durch Vandalismus beschädigt worden war. Quartier initiierte daraufhin eine AG Küchengartenpavillon mit Vertretern der Stadt (Friedhofsverwaltung, Kulturamt/FZH), dem Bürgerbüro Stadtentwicklung sowie Lindener Vereinen. Hier wurde ein Nutzungskonzept für das Gebäude erstellt: Sicherung durch eine dem Friedhof angemessene Nutzung u.a. als Vereinsbüro, kulturelle Aktivitäten im „Kuppelsaal“, etwa durch künstlerische und historische Ausstellungen, Musik oder Lesungen sowie Öffnungszeiten für die Allgemeinheit. 2002 fiel dann im Bezirksrat die Entscheidung für Quartier und die AG Küchengartenpavillon als Nutzer des Gebäudes. Danach wurde durch die Stadt der Pavillon entsprechend renoviert und modernisiert.

Am 9.12.2002 konnte der Verein in das Gebäude einziehen. Die anfangs täglichen Öffnungszeiten stießen sofort auf großes Besucherinteresse. Seitdem haben mehr als 100.000 Gäste das Gebäude besichtigt.

2001, schon vor dem Einzug, wurden von Quartier die Projekte des Lindener Berges angesprochen und das Lindener Gipfeltreffen als lockerer Zusammenschluss ins Leben gerufen. Mit dabei:  Quartier Mittwoch-Theater, Jazz-Club, Sternwarte, Kleingärtnerverein Linden, Botanischer Schulgarten, Martinskirche, Linden 07, Lindener Turm sowie Einzelpersonen und Anwohner*innen. Ziel war es dabei, neben der Vernetzung auch gemeinsame Projekte durchzuführen. Themen waren etwa eine bessere Ausschilderung und Orientierung auf dem Berg. Zusammen wurden Kulturspaziergänge  sowie einige Tage der offenen Tür auf dem Lindener Berg veranstaltet, um die zahlreichen Sehenswürdigkeiten zu zeigen.

Dies fand schon regen Zuspruch, wurde dann aber ab 2004 von dem Scillablütenfest/Das Blaue Wunder getoppt. Wenn im Frühjahr 2-3 Wochen der Sibirische Blaustern (Scilla siberica) auf dem Bergfriedhof blüht, wird ein Kulturfest und Tag der offenen Tür auf dem Lindener Berg veranstaltet. Inzwischen ist das Scillablütenfest Bestandteil der hannoverschen Festkultur und steht eigentlich in jedem Reiseführer für Hannover.

Die Geschichtsarbeit war immer einer der inhaltlichen Schwerpunkte. Veröffentlichungen über den Küchengartenpavillon, Küchengarten und  Lindener Berg gehören zu den Klassikern der Lindener Geschichtsschreibung. Es folgten biographische Arbeiten etwa von Horst Bohne und dann Veröffentlichungen zur Geschichte von Lindener Straßen und Firmen.

Der Küchengartenpavillon hatte bis 1911 auf dem ehemaligen Küchengarten gestanden und wurde erst 1913/14 auf den Berg versetzt. Mit dieser Geschichte im Hintergrund war es selbstverständlich, dass der Verein sich in die Bürgerbeteiligung des Bürgerbüros zur Umgestaltung des Küchengartenplatzes mit einbrachte und zur Geschichte des Küchengartens eine Infotafel erstellte.

Quartier griff ab 2005 eine alte Tradition des Lindener Berges wieder auf: 2005, 2006 und 2008 trat Quartier als Veranstalter des Lindener Seifenkistenrennens in Erscheinung. Es fand erst auf der Rodelbahn, dann auf der Straße vor dem Friedhof statt und wurde vor allem von den Anwohnern Dieter Hoffmann und Günter Hartmann organisiert. Beteiligt waren auch die Lindener Feuerwehr, die Polizei, ehemalige Seifenkistenfahrer aus den 1950er Jahren und viele andere. Gesponsert wurde es u.a. von der Neuen Presse. Deren Moderator Christoph Dannowski konnte mehrere Tausend begeisterte Besucher*innen begrüßen, die den tollkühnen Fahrern in ihren tollen Kisten zujubelten.

Zusammen mit der Universität Hannover und dem Fachbereich Umwelt wurde ein Rundgang über den Lindener Berg, die sog. MixTour, ausgeschildert und ein Faltblatt zur Orientierung erstellt.

Der hannoversche Künstler Torsten Paul konnte dann 2007 die Kuppel im Küchengartenpavillon mit dem Gemälde „Vier Jahreszeiten“ ausmalen. Finanziert wurde es von Vereinsmitgliedern, der Stiftung Denkmalschutz, der AGLV und mit einer Spende des NDR, der 2005 für die Dreharbeiten zum Tatort-Krimi „Atemlos“ einige Szenen im und am Pavillon drehte.

2009 und 2010 beteiligte sich Quartier zusammen mit der Otto Brenner Akademie an der Ehrung der im Nationalsozialismus im KZ verstorbenen Widerstandskämpfer der Sozialistischen Front, Wilhelm Bluhm und Franz Nause, an den Stolpersteinlegungen und mit Ausstellungen und Veröffentlichungen.

Ebenfalls 2009 und 2010 führte Quartier die monatliche Veranstaltungsreihe „Jour fixe“ mit Egon Kuhn bzw. Otto Brenner Akademie und FAUST durch, u.a. zur Lindener Geschichte, Fanny- und Viktoriastraße, Limmerstraßen-Umbau, Widerstand, aber auch zur Gentrifizierung.

Ab 2010 beteiligte sich Quartier für die Otto Brenner Akademie im Auftrag des Fachbereichs Bildung und Qualifizierung mit dem Thema Wehrmachtsdeserteure auf dem Fössefeldfriedhof, erforschte die Geschichte und entwarf eine Informationstafel zum Friedhof und zu den  Deserteuren, machte dazu Öffentlichkeitsarbeit und führte jahrelang zahlreiche Veranstaltungen zu Opfern des Nationalsozialismus und zum Friedhof durch.

2012 wurden zum 150-jährigen Bestehen des Lindener Bergfriedhofs zusammen mit der Stadt ein Fest durchgeführt, sowie eine Ausstellung gezeigt und eine Broschüre erstellt.

2015 beteiligte sich Quartier an der 900-Jahres-Feier Lindens mit Geschichtsveranstaltungen, Kulturbeiträgen und Rundgängen, sowie Ausstellungen über Lindener Butjer. Zum Limmerstraßenfest baute Quartier am ehemaligen Standort des Küchengartenpavillons eine 4×5 m große Plane mit dem Foto des Gebäudes auf, um an den ehemaligen Originalstandort zu erinnern.

Seit 2018 stellt Quartier zusammen mit dem Freizeitheim Linden in der Reihe „Mein Quartier Linden“ den Stadtteil für Anfänger*innen und Fortgeschrittene in Veranstaltungen und Rundgängen vor. Dazu gehört auch die Teilnahme am städtischen Programm Grünes Hannover.

Seit 2018 ist Quartier auch Standort des städtischen Ausstellungsprojektes „Zinnober“, in dessen Rahmen Ateliers und Ausstellungsräume besichtigt werden können. Ausstellungen sind inzwischen eine zentrale Aktivität des Vereins und werden an Bedeutung gewinnen.

Quartier wurde bei seinen Aktivitäten nicht nur durch die Vereinsmitglieder und zahlreiche Sympathisanten unterstützt, sondern vor allem von vielen Künstler*innen und Lindener Vereinen, dem Freizeitheim Linden, dem Bezirksrat Linden-Limmer und städtischen Einrichtungen, insbes. der Friedshofsverwaltung, den Fachbereichen Umwelt und Stadtgrün sowie Bildung und Qualifizierung und dem Kulturbüro. Quartier erhält seit Jahren auch eine institutionelle Förderung von der Stadt.

Der Küchengartenpavillon ist ebenso wie der Lindener Berg ein beliebtes Ausflugsziel. Das Scillablütenfest gehört inzwischen zu den schönsten und beliebtesten Festen Hannovers. Der Küchengartenpavillon ist eines der Wahrzeichen Lindens geworden.

Bildquellen

  • einladung20jahre: Melanie Rochow