Kuhn betrachtet Loges-Grabstein

Egon Kuhn – Ein Nachruf

Kuhn betrachtet Loges-Grabstein

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Am 23.1.2019 ist Egon Kuhn gestorben. Wir trauern um Egon Kuhn.

Egon Kuhn war nicht nur ein Berater und Unterstützer unseres Vereins Quartier, er war auch ein väterlicher Freund. Unsere Zusammenarbeit begann im Vorfeld der Gründung des Vereins FAUST, wo wir über Konzepte für die Umnutzung des Kesselhauses diskutierten, dann bei Filmarbeiten über Linden und zur Gedenktafel für Wilhelm Bluhm. In den letzten zwei Jahrzehnten arbeiteten wir dann weiter zusammen an der Aufarbeitung der sozialdemokratischen Widerstandsorganisation „Sozialistische Front“, an Stolpersteinlegungen, Broschüren und Ausstellungen dazu. Auch die Aufarbeitung des Themas Wehrmachtsdeserteure auf dem Fössefeldfriedhof gehörte dazu. Zahlreiche Veranstaltungen, etwa den Jour fixe bei FAUST, viele Stadtteilrundgänge sowie Veranstaltungen zu Linden und die Betreuung des Stadtteilarchivs im Freizeitheim gehörten zur gemeinsamen und vertrauensvollen Zusammenarbeit.
Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Mein Quartier Linden“ werden wir ihm zu Ehren und zum Gedenken Stadtteilrundgänge zu einigen seiner Themen wie Kochstraße und Fannystraße sowie zum Antifaschismus anbieten.
Hier ein leicht überarbeiteter Nachruf, der in der Februar-Ausgabe des LINDENSPIEGEL erschien.

Egon Kuhn wurde am 20.1.1927 in Osnabrück geboren. Er ist also – anders als manche meinen – kein Lindener. Kein geborener Lindener jedenfalls. Aber wie kaum ein anderer ist Egon „der Lindener“ schlechthin.
Will man das lange Leben von Egon und insbesondere seine Aktivitäten würdigen, müsste man sein privates Leben, sein politisches (SPD und Gewerkschaften) sowie seine kulturellen (etwa Freizeitheim) und stadtteilbezogenen Arbeiten beschreiben. All dies ist bei Egon nicht zu trennen. Ich konzentriere mich trotzdem in meinem subjektiven Rückblick auf seine stadtteilbezogenen Lindener Aktivitäten der letzten Jahrzehnte.
1965 kam Egon Kuhn nach Linden als Leiter des Freizeitheims Linden. Als Zugezogener tat er sich anfangs schwer, denn der Lindener „Arbeiteradel“ hielt noch etwas Distanz. Egon musste sich die Zuneigung der Lindener erst erarbeiten. Dies tat er, indem er viel mit den alten Lindenern sprach, vor allem abends in der Kneipe bei einer „Tasse Bier“, und indem er im Freizeitheim gute Arbeit leistete. Türöffner und wichtige Kontaktpersonen und Freunde waren etwa die Lindener Originale Anni und Fritz Röttger, mit denen er die Fannystraßenkinder- bzw. Lindener Butjerfeste wieder aufleben ließ oder August Baumgarte, der im Heimrat des Freizeitheims eine große Rolle spielte. Allmählich schuf er sich viele Netzwerke, zu denen er als Sozialdemokrat und Gewerkschafter im sowieso sozialdemokratischen Hannover Zugang fand. Egon gehörte hier zum linken Flügel. In den späten 1960er Jahren mischte er im Umfeld der APO mit. Er wurde einer der Organisatoren der linken Szene in Hannover, im politischen, aber auch im kulturellen Bereich. Wissenschaftler wie Peter von Oertzen, Jürgen Seifert oder Oskar Negt gehörten zu Egons Umfeld, Künstler wie Hannes Wader oder Josef Degenhardt waren mit ihm befreundet. Das Freizeitheim wurde das linke Zentrum im roten Linden und schaffte es bis in das Nachrichtenmagazin „SPIEGEL“. Nicht nur zahlreiche politische Veranstaltungen wurden im großen Saal durchgeführt, auch alles, was Rang und Namen bei politischen – d.h. linken – Künstlern hatte, trat hier auf und fühlte sich Egon verbunden. Egon wirkte nicht nur an der Lindener Politik mit, sondern auch in der hannoverschen. Das sozialdemokratische linke Linden-Limmer war durchaus nicht nur beliebt in der hannoverschen SPD, aber mitgliederstark und einflussreich. So wäre z.B. Herbert Schmalstieg ohne Egon nicht Oberbürgermeister geworden. Auch in der Gewerkschaft, vor allem der IG Metall, war Egon bald über Hannover hinaus bekannt. Es zog ihn allerdings nicht auf die landes- oder bundespolitische Ebene. Für Egon war Linden sein Mittelpunkt, den er auch nicht mehr aufgeben wollte. Hier arbeitete und lebte er, hier fühlte er sich wohl. Auch das macht einen Großteil seiner Beliebtheit aus: Egon war sehr einflussreich und mächtig, machte aber keine Karriere, sondern lebte und arbeitete bescheiden in „seinem“ Linden.
Egon zeigte im Freizeitheim deutlich, was Linden ausmachte: Linden war als Industriestadt eine Hochburg der Arbeiterbewegung gewesen, die Lindener bis vor einigen Jahrzehnten waren vor allem Arbeiter und Arbeiterinnen. Dies hatte sich durch die städtebauliche Sanierung seit den 1970er Jahren und den Sozialstrukturwandel dann allmählich geändert. Auch bei der für Linden wichtigen und oft konfliktträchtigen Sanierung gehörte Egon von Beginn an zu den Vertretern der Lindener Interessen, oft auch gegen die regierenden Sozialdemokraten in Hannover.
Das Freizeitheim wurde ein bundesweit bekanntes und gewürdigtes Vorbild für Stadtteilkulturarbeit. Dabei war er oft der Ideengeber und Organisator, der gute Mitarbeiter hatte und junge Leute motivierte, über die Geschichte in Linden zu schreiben. Die Broschüren der 1980er Jahre über die Lindener Arbeiterbewegung, gespickt mit zahlreichen Zeitzeugenberichten, waren viel beachtete Veröffentlichungen und bundesweit Vorbilder für andere Stadtteilzentren. Das von Egon aufgebaute Stadtteilarchiv beherbergte nicht nur zahlreiche Dokumente der Lindener politischen und sozialen Geschichte, sondern im Geschichtskabinett auch seltene Fahnen und Objekte der Arbeiterbewegung. Dazu kam die von Anni Röttger im Freizeitheim eingerichtete Arbeiterwohnküche. Wenn es ein Fest gab, das den Namen „Lindener Fest“ verdient hätte, dann war es das Lindener Butjerfest, das alte Lindener Traditionen aus der Fannystraße aufgriff. Einige Filme über Linden, etwa zur Kochstraße, über Lindener Kneipen oder „Linden eine Arbeiterlied“ wären ohne seine Unterstützung nicht entstanden.
Insbesondere die antifaschistische Arbeit lag ihm als ehemaligem begeisterten Mitglied der Hitlerjugend und dann Kriegsteilnehmer am Herzen. Umso größer dann später sein Wandel. Er hatte gelernt: Nie wieder Faschismus, war sein politisches Motto. Und: Wehret den Anfängen. Dazu bedurfte es der Geschichtsaufarbeitung und der Bildung. Stadtteilrundgänge, Führungen, Aufarbeitung der Lindener Geschichte und der der sozialdemokratischen Widerstandorganisation „Sozialistische Front“, später die Begleitung von Stolpersteinen, Aufarbeitung der Deserteursgeschichte auf dem Fössefeldfriedhof, … Egons Aktivitäten schienen kein Ende zu nehmen.
Dabei war Egon, wie einige der gerade genannten Aktivitäten belegen, auch als Rentner aktiv. Manche meinen, er wäre dann sogar noch aktiver geworden. Es gab für ihn keine Ruhezeit. Er lebte in Linden und in Linden gab es immer was zu tun. Und Egon war immer mittendrin – meistens vorneweg. So baute er die Seniorenakademie Otto Brenner (später Otto Brenner Akademie) mit auf und war lange ihr Vorsitzender. Er war aktiv bei Lebendiges Linden und ebenfalls lange Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Lindener Vereine. Dabei waren nicht nur sozialdemokratische Vereine dort organisiert. Respekt fand er auch bei Mitgliedern der anderen Parteien. Egon kam es nicht auf die Parteizugehörigkeit an, denn wichtiger war ihm immer, wer tatsächlich etwas für Linden tat.
Als Jemand mit italienischen Vorfahren ging er gerne italienisch essen, vor allem bei Mama Raffaele, liebte aber auch die spanische Küche (Rias Baixas II) oder ging zuletzt gerne um die Ecke ins Mia Casa. Erholung fand er als Fußballfan von Schalke 04, beim Genießen des Kaffees im nahegelegenen Eiscafé, beim Lesen von politischer Literatur und auch bei „seinem“ Stammtisch, der am Dienstag-Abend erst bei Fred Kornagel, dann bei Lorberg stattfand. Hier trafen sich sein Freundeskreis und sein politisches und gewerkschaftliches Umfeld. Dazu gehörten etwa Hans-Jörg Hennecke, Ruth Schwake oder Jochen Günther. Auch hier waren durchaus Mitglieder anderer Parteien dabei, etwa von den Grünen oder den Linken. Egon kannte keine Berührungsängste und ließ sich nie vorschreiben, mit wem er zusammenarbeitete. Er machte aber zur Not sehr deutlich, wenn Jemand – seiner Meinung nach – nur dummes Zeug erzählte. Egon war in den letzten Jahren gewiss nicht immer glücklich über die Politik der SPD, blieb ihr aber weiter treu. Solidarität war ihm wichtig, auch mit seiner SPD.
Zuletzt baute er körperlich ab, brauchte einen Rollator und konnte sich später nur noch mit dem Rollstuhl bewegen. Viele kennen ihn, wie er mit Baskenmütze und rotem Schal durch Linden stöberte und vor allem die Limmerstraße hoch und runter gerollt wurde. Meistens geschoben von seiner langjährigen Lebenspartnerin Susanne Böhmer, die sich aufopferungsvoll um Egon kümmerte und dafür sorgte, dass Egon noch unter die Leute kam. Als Egon nicht mehr mobil genug war, übernahm sie auch die Betreuung des Stadtteilarchivs und versucht nun , dies im Sinne von Egon zu erhalten.
Am 20.1.2019 feierte er mit viel sozialdemokratischer Prominenz wie Gerhard Schröder, Herbert Schmalstieg oder Edelgard Bulmahn seinen 92. Geburtstag. Er hat den Abend genossen. Drei Tage später, am 23.1., verstarb Egon Kuhn.
Egon hat Linden geliebt und Linden viel zu verdanken. Und Linden hat Egon viel zu verdanken. Er fehlt nicht nur seiner Familie und seinen Freunden, er fehlt auch Linden.

Jonny Peter, Linden, Februar 2019

Foto (von Jonny Peter)
Egon Kuhn 2003 vor dem Arbeitergrab von Heinrich Loges, für dessen Renovierung er sich eingesetzt hatte.

Bildquellen

  • Kuhn betrachtet Loges-Grabstein: Quartier e.V.